Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas

Share on facebook
Share on twitter
Share on pinterest
Share on email
Share on print

1992 beschloss die Bundesregierung die Errichtung eines nationalen Denkmals in Erinnerung an die Ermordung der als »Zigeuner« verfolgten europäischen Sinti und Roma. Das Denkmal des Künstlers Dani Karavan besteht aus einem Brunnen mit einem versenkbaren Stein, auf dem täglich eine frische Blume liegt. Darüber hinaus informieren Tafeln über Ausgrenzung und Massenmord an dieser Minderheit während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Das Denkmal wurde am 24. Oktober 2012 feierlich der Öffentlichkeit übergeben.

Denkmal

täglich 24h
zugänglich

ORT

Simsonweg
10557 Berlin

KONTAKT

+49 30 26 39 43 – 0
info@stiftung-denkmal.de

Architekt Dani Karavan

Eine Lichtung im Tiergarten, gesäumt von Bäumen und Büschen, nahe dem Reichstagsgebäude. Ein kleiner, unscheinbarer Platz, der sich dem Lärm der Großstadt entzieht. Ein Ort innerer Anteilnahme, ein Ort, den Schmerz zu fühlen, sich zu erinnern und die Vernichtung der Sinti und Roma durch das nationalsozialistische Regime niemals in Vergessenheit geraten zu lassen. Ist ein solcher Ort überhaupt möglich? Ist das Mögliche vielleicht die Leere, das Nichts? Habe ich in mir die Kraft, einen Ort des Nichts zu erschaffen? An dem es nichts gibt. Keine Worte, keine Namen, kein Metall, keinen Stein. Nur Tränen, nur Wasser, umringt von den Überlebenden, von jenen, die sich des Geschehenen erinnern, von denen, die das Grauen kennen, und anderen, die es nicht kannten. Sie alle spiegeln sich hier, auf dem Kopf stehend, im Wasser der tiefen, schwarzen Grube, während der Himmel sie bedeckt – das Wasser, die Tränen. Nur ein einzelner kleiner Stein, der versinkt und emporsteigt, wieder und wieder, Tag für Tag. Und auf ihm jeden Tag eine neue kleine Blüte, um sich jedes Mal aufs Neue zu erinnern, in Erinnerung zu rufen, unentwegt, bis in alle Ewigkeit. Das Wasser umfängt den Himmel, den blauen, den grauen, den schwarzen Himmel. Die Wolken, das Licht, das Dunkel. Alles wird verschlungen vom wirbelnden Wasser. Allein der Klang einer einsamen Geige ist geblieben von der gemordeten Melodie, schwebend im Schmerz.

Dani Karavan wurde am 7. Dezember 1930 in Tel Aviv als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer geboren. Im Alter von zwölf Jahren wendet er sich dem Malen zu und erhält 1943 ersten Zeichenunterricht im Atelier von Aharon Avni. Er studiert an der Bezalel School of Art and Design in Jerusalem, an der Accademia di Belle Arti in Florenz und an der Académie de la Grande Chaumière in Paris.

Viele seiner Arbeiten sind der Erinnerung an den Holocaust gewidmet. Er selbst verliert auch einen Teil seiner Familie während der NS-Terrorherrschaft. 1993 stellt er in Nürnberg den Way of Human Rights am Germanischen Nationalmuseum fertig. Im Auftrag des französischen Staates realisiert er 1994 das Camp de Gurs, ein Mémorial national, das sich gegen das Vergessen authentischer Orte richtet.

Seine Arbeiten sind oft mit Naturmaterialen wie Wasser, Sand und sogar Wind gestaltet. Sie fordern den Besucher auf, nicht nur zu beobachten, sondern sich zu bewegen und sich jedes einzelnen Elementes zu besinnen.

Elemente des Denkmals

Die metallene Einfassung der Wasserschale birgt das Gedicht »Auschwitz« des italienischen Roma-Musikers, Komponisten und Hochschullehrers Santino Spinelli. In deutscher und englischer Fassung säumt es den See. Am Rande der Chronologie ist es außerdem in zwei unterschiedlichen Dialekten des Romanès zu lesen.

Eingefallenes Gesicht
erloschene Augen
kalte Lippen
Stille
ein zerrissenes Herz
ohne Atem
ohne Worte
keine Tränen.

Gedicht des italienischen
Roma Santino Spinelli

Innerhalb des durch Glaswände und Bepflanzung entstandenen Denkmal-Raumes ist permanent Musik, ein sich ständig verändernder Geigenton, das Stück »Mare Manuschenge« (»Unseren Menschen«), komponiert von Romeo Franz zu hören. Romeo Franz hat es für die am Denkmal permanent ertönende Aufnahme auch selbst eingespielt. Der Geigenton folgt einer Molltonleiter, die der traditionellen Musik der Sinti zugrundliegt und auch im modernen Sinti-Jazz und Sinti-Swing charakteristisch ist.

Inmitten der Lichtung liegt ein kreisrunder See von etwa zwölf Metern Durchmesser, bestehend aus einer Wanne dunkel beschichteten Stahls. Bei entsprechendem Licht spiegelt er die Besucher, die Bäume, den Himmel und auch das mächtige Reichstagsgebäude. Es sollte, so die Idee Karavans, der Eindruck entstehen, der See sei unendlich tief.

Aus der Mitte des Sees ragt flach ein dreieckiger Sockel aus Granit. Das Dreieck ist laut Karavan ein Zitat der winkelförmigen Häftlingskennzeichnungen in den Lagern. Dieser Sockel senkt sich täglich zur Mittagszeit in die Tiefe hinab und wird kurz darauf mit einer frischen Blume versehen wieder an die Wasseroberfläche gefahren.

Rings um den See in die Rasenfläche sind grob gebrochene Steinplatten eingelassen, die in ihrer Form an Scherben (Zerstörung, Zersplitterung, Verlust, Verletzung) erinnern können. In einen Teil dieser Platten sind die Namen von 69 Orten eingebracht, an denen sich Vernichtungs-, Konzentrations- und Sammelstätten befanden, oder an denen Erschießungen von Sinti und Roma stattfanden.

Geschichte des Denkmals

Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus wurden von 1933 bis 1945 Hunderttausende Menschen in Deutschland und anderen europäischen Ländern als »Zigeuner« verfolgt. Die meisten von ihnen bezeichneten sich selbst nach ihrer jeweiligen Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen beispielsweise als Sinti, Roma, Lalleri, Lowara oder Manusch. Die größten Gruppen in Europa waren die Sinti und Roma. Ziel des nationalsozialistischen Staates und seiner Rassenideologie war die Vernichtung dieser Minderheit: Kinder, Frauen und Männer wurden verschleppt, an ihren Heimatorten oder in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Von Verfolgungsmaßnahmen betroffen waren auch Angehörige der eigenständigen Opfergruppe der Jenischen und andere Fahrende.

1933
Sinti und Roma werden verschärft diskriminiert, zunehmend entrechtet und aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Es erfolgen erste Einweisungen in Konzentrationslager und ab 1934 Zwangssterilisationen. 1935 In vielen Städten des Deutschen Reiches werden Zwangslager eingerichtet. In Berlin werden Hunderte Menschen zwei Wochen vor der Eröffnung der Olympischen
Spiele 1936 in ein solches Lager im Stadtteil Marzahn eingewiesen. Die Lager dienen der Konzentration, Festsetzung und Erfassung, der Isolierung sowie der
Rekrutierung zur Zwangsarbeit.

1936
Nach den »Nürnberger Rassengesetzen« (1935) verfügt Reichsinnenminister Wilhelm Frick im Januar 1936: »Zu den artfremden Rassen gehören alle anderen Rassen, das sind in Europa außer den Juden regelmäßig nur die Zigeuner.« Auf dieser Basis wird ein rassistisches Sonderrecht etabliert, das für die Betroffenen unter anderem Eheverbote sowie Ausschluss aus Berufen oder der Wehrmacht bedeutete.

1938
Über 2.000 Sinti und Roma aus Deutschland und Österreich, darunter Kinder ab zwölf Jahren, werden bis 1939 nach Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen, Ravensbrück, Mauthausen und in andere Konzentrationslager
verschleppt. Auf Weisung des »Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei«, Heinrich Himmler, wird in Berlin beim Reichskriminalpolizeiamt eine zentrale Stelle eingerichtet, die die Erfassung und Verfolgung der Sinti
und Roma steuert und koordiniert. Im Dezember ergeht ein grundlegender Erlass Himmlers, »die Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser
Rasse heraus in Angriff zu nehmen«, mit dem Ziel der »endgültigen Lösung der Zigeunerfrage«. Die mit der Erfassung beauftragte »Rassenhygienische Forschungsstelle« fertigt bis Kriegsende nahezu 24.000 »rassenkundliche
Gutachten« an, die eine wesentliche Grundlage für die Deportationen in Vernichtungslager bilden.

1939
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges plant das für die Organisation des Völkermordes federführende »Reichssicherheitshauptamt», alle als »Zigeuner« erfassten Menschen zu deportieren. Zur Vorbereitung von Deportationen verfügt es, allen Betroffenen »die Auflage zu erteilen, ihren Wohnsitz oder ihren jetzigen Aufenthalt bis auf weiteres nicht zu verlassen«.

1940
Auf Befehl Himmlers beginnen die Deportationen ganzer Familien aus Deutschland in das besetzte Polen: »Der erste Transport von Zigeunern nach dem Generalgouvernement wird Mitte Mai in Stärke von 2.500 Personen […] in Marsch gesetzt werden.« In Lagern, später auch in Ghettos, müssen sie unter grausamen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Vielerorts unterliegen Sinti und Roma einer Kennzeichnung durch Sonderausweise oder Armbinden mit der Aufschrift »Z«.

1941
In der besetzten Sowjetunion und in den anderen besetzten Gebieten Ost- und Südosteuropas beginnen systematische Massenerschießungen von Roma. So meldet eine »Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS« von der Krim: »Zigeunerfrage bereinigt.« Aus dem österreichischen Burgenland werden etwa 5.000 Roma und Sinti in das Getto Litzmannstadt (Łódź) im besetzten Polen deportiert – über 600 von ihnen sterben dort. Die Überlebenden werden im Januar 1942 im Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) in Vergasungswagen ermordet.

1942
Nach einer Besprechung mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels über die Auslieferung von Justizgefangenen an die SS protokolliert Reichsjustizminister Otto Georg Thierack, dass »Juden und Zigeuner schlechthin […] vernichtet werden sollen. Der Gedanke der Vernichtung durch Arbeit sei der beste«.

1943
Auf der Grundlage eines Erlasses von Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 beginnen ab Februar die Deportationen von rund 23.000 Sinti und Roma aus fast ganz Europa. Ziel der Transporte ist ein von der SS als »Zigeunerlager« bezeichneter Abschnitt von Auschwitz-Birkenau. Innerhalb weniger Monate sterben die meisten von ihnen an Hunger, Seuchen oder durch Gewalttaten der SS. Den Experimenten des dortigen SS-Lagerarztes Josef Mengele fallen zahlreiche Kinder zum Opfer.

1944
Am 16. Mai leisten viele der im »Zigeunerlager« in Auschwitz noch lebenden 6.000 Gefangenen Widerstand gegen ihre drohende Ermordung. Etwa die Hälfte von ihnen wird zur Zwangsarbeit in andere Konzentrationslager deportiert. Die letzten 2.897 Überlebenden – meist Kinder, Frauen und Alte – werden in der Nacht vom 2. auf den 3. August in den Gaskammern ermordet.

1945
Die Anzahl der als »Zigeuner« verfolgten Menschen, die im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich dem Völkermord zum Opfer fielen, wird sich wohl nie genau bestimmen lassen. Schätzungen reichen bis zu 500.000 ermordeten Männern, Frauen und Kindern.

»Den Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt […]. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermords erfüllt.«

1992 beschloss die Bundesregierung die Errichtung eines nationalen Denkmals in Erinnerung an die Ermordung der als »Zigeuner« verfolgten europäischen Sinti und Roma.

»Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie der an den Juden. Sie wurden im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet.«

Am 24. Oktober 2012 fand in Berlin die feierliche Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas statt. An der Zeremonie am Rande des Tiergartens gegenüber dem Reichstag nahmen neben Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert teil.

Publikationen zum Denkmal

Angebote für Besucher

Initiativen und Partner

Barrierefreiheit und Besucherordnung

Das Denkmal ist Tag und Nacht frei zugänglich. Der Zugang zum Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma ist weitestgehend barrierefrei.

Besucherordnung

  • Sie betreten einen Ort des Gedenkens. Bitte respektieren Sie das Anliegen und die Menschen, für welche dieses Denkmal geschaffen wurde.
  • Sprechen Sie bitte leise.
  • Der schwarze Wasserspiegel soll den Himmel reflektieren, steigen Sie deshalb bitte nicht in das Becken, werfen Sie keine Münzen und andere Gegenstände hinein.
  • Auch politische Demonstrationen, Flaggen oder andere Symbole stören das Andenken, ebenso Betteln, Rauchen, Grillen und der Genuss alkoholischer Getränke oder jegliche sportliche Aktivität.
  • Der Besuch des Denkmals erfolgt ganzjährig auf eigene Gefahr.
  • Foto- oder Filmaufnahmen für Publikationszwecke können über die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (presse@stiftung-denkmal.de) genehmigt werden.

Veranstaltungsberichte

Werkstattberichte