Werkstattberichte

13. März 2014

Trauer um Jacov Tsur

(1925–2014)

Noch am Montagnachmittag hatte Jacov Tsur uns eine freundliche E-Mail geschrieben, in der es um die Verwendung seiner Fotos für einen bald erscheinenden Katalog des Videoarchives geht. Wie wir heute morgen erfahren haben, ist er in der folgenden Nacht im Kibbuz Na'an, in dem er seit 1949 lebte, verstorben.

Jacov Tsur gab uns im November 2011 ein über sechs Stunden langes lebensgeschichtliches Videointerview. Seit seiner Jugend in Prag war er ein engagierter Zionist und wanderte nach dem Krieg nach Palästina aus. Er wurde 1925 in Mährisch-Ostrau mit den Namen Kurt Cierer geboren. Nach der Scheidung seiner Eltern wohnte er an unterschiedlichen Orten im Sudetenland und zog schließlich nach Prag. Dort trat er der zionistischen Jugendorganisation Blau-Weiß bei. Ab 1941 musste er Zwangsarbeit leisten und wurde Zeuge der Deportationen aus dem Protektorat. Zunächst geschützt durch die Stellung seines Vaters wurde er erst im August 1943 ins Ghetto Theresienstadt und bald darauf ins Familienlager nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Nach sechsmonatiger Haftzeit wurde er in die Konzentrationslager Schwarzheide und Sachsenhausen verlegt. Er war einer der wenigen Häftlinge, die den Todesmarsch aus Sachsenhausen überlebten. Im Mai 1945 fuhr er zurück nach Prag, von wo er sich illegal auf den Weg nach Palästina machte. Über Österreich, Italien und Zypern reiste er schließlich nach Palästina ein. Während des Unabhängigkeitskrieges 1948 diente er beim Militär als Späher und Ausbilder; 1949 ließ er sich im Kibbuz Na'an nieder und gründete dort eine Familie.

Den Angehörigen sprechen wir unser Mitgefühl und unsere Anteilnahme aus. Wir werden Jacov Tsur als aufgeschlossenen Gesprächspartner, der sich unermüdlich in der Zeitzeugenarbeit und der historischen Wissensvermittlung engagiert hat, in Erinnerung behalten.

Bild: Jacov Tsur während des Videointerviews im Versammlungsraum des Kibbuz Na'an im November 2011

Bild: Jacov Tsur während des Videointerviews im Versammlungsraum des Kibbuz Na'an im November 2011