Reden von der Einweihung am 10. Mai 2005

Bild: Besucher auf dem Weg in den unterirdisch gelegenen Ort der Information

Rede von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse anlässlich der Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas

Sehr geehrte Gäste aus allen Teilen Europas, verehrte Vertreter der jüdischen Gemeinschaften und Familien, meine Damen und Herren!

Vor zwei Tagen, am 8. Mai, hat die Bundesrepublik Deutschland, haben wir des Kriegsendes und der Befreiung unseres Landes und unseres Kontinents von der Hitlerbarbarei gedacht.

Heute eröffnen wir ein Denkmal, das an das schlimmste, das entsetzlichste Verbrechen Nazideutschlands erinnert, an den Versuch, ein ganzes Volk zu vernichten. Dieses Denkmal ist den ermordeten Juden Europas gewidmet.

Dies ist ein Denkmal an der Grenze, ein Denkmal im Übergang – und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Es gab über dieses Denkmal die höchstmögliche Entscheidung, die in dieser Republik möglich ist: eine Entscheidung des Deutschen Bundestages. Als die Entscheidung des Parlaments mit parteiübergreifender großer Mehrheit am 25. Juni 1999 fiel, war dem eine zehnjährige intensive Debatte vorausgegangen – angestoßen von einer Initiative von Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft und getragen von deren unbeirrbarem Engagement bis heute.

Die Entscheidung für das Denkmal in Berlin war eine der letzten, die der Bundestag in Bonn vor seinem Umzug fasste. Es war die Entscheidung für ein erstes gemeinsames Erinnerungsprojekt des wiedervereinten Deutschland und das Bekenntnis, dass sich dieses geeinte Deutschland zu seiner Geschichte bekennt und zwar indem es in seiner Hauptstadt, in ihrem Zentrum, an das größte Verbrechen seiner Geschichte erinnert. Im Zentrum jener Stadt, die zwar nicht der Ort des Massenmordes war, von der aus aber die systematische millionenfache Tötung von Menschen erdacht, geplant, organisiert, verwaltet wurde.

Keine andere Nation habe je den Versuch unternommen, so schrieb der amerikanische Judaist James E. Young, »sich auf dem steinigen Untergrund der Erinnerung an ihre Verbrechen wiederzuvereinigen oder das Erinnern an diese Verbrechen in den geographischen Mittelpunkt ihrer Hauptstadt zu rücken«, so Young. – Eine Aufgabe also an der Grenze dessen, was einer sozialen Gemeinschaft möglich ist. Das mag die Heftigkeit der Debatte um das Denkmal, auch manchen Widerstand erklären und rechtfertigen. Widerspruch und Debatte werden das Denkmal wohl auch weiter begleiten, was gewiss nicht das Schlechteste sein muss.

Der Holocaust berührt die »Grenzen unseres Verstehens«, so ist zutreffend gesagt worden. Dieses Denkmal agiert an dieser Grenze. Es ist der Ausdruck für die Schwierigkeit, eine künstlerische Form zu finden, die dem Unfassbaren, der Monstrosität der nationalsozialistischen Verbrechen, dem Genozid an den europäischen Juden überhaupt irgend angemessen sein könnte. Es verwischt die Grenze nicht zwischen einer Erinnerung, die auf keinerlei Weise »bewältigt« werden kann, und jener Erinnerung, die für Gegenwart und Zukunft Bedeutung haben muss.

Dies soll ein Ort des Gedenkens sein, soll also die Grenze überschreiten, die zwischen kognitiver Information, historischem Wissen einerseits und Empathie mit den Opfern, Trauer um die Toten anderseits liegt – so sehr beides gewiss zusammengehört. Dieses Denkmal – mit dem Ort der Information – kann uns Heutigen und den nachfolgenden Generationen ermöglichen, mit dem Kopf und mit dem Herzen sich dem unbegreiflich Geschehenen zu stellen.

Was heute noch in großer Eindringlichkeit Zeitzeugen erzählen können, müssen in Zukunft Museen, muss die Kunst vermitteln. Wir sind gegenwärtig in einem Generationenwechsel, einem Gezeitenwechsel, wie manche sagen: Nationalsozialismus, Krieg und organisierter Völkermord werden immer weniger lebendige Erfahrung von Zeitzeugen bleiben und immer mehr zu Ereignissen der Geschichte; sie wechseln von persönlicher, individuell beglaubigter Erinnerung in das durch Wissen vermittelte kollektive Gedächtnis. Das Denkmal ist Ausdruck dieses Übergangs.

Es ist damit nicht, wie manche befürchten, das Ende, der steinerne Schlusspunkt unseres öffentlichen Umgangs mit unserer Nazi-Geschichte. Es überträgt vielmehr diese beunruhigende Erinnerung in das kulturelle Gedächtnis der Deutschen, ohne deren Beunruhigungskraft zu vermindern. Das Denkmal wird Anstoß bleiben, der Streit darum wird weitergehen, dessen bin ich sicher. Es widerlegt ja nicht alle Argumente, die gegen es vorgebracht wurden. Es erhebt keinen Monopolanspruch aufs Gedenken, im Ort der Information wird auf die authentischen Orte des mörderischen Geschehens und auf andere Gedenkstätten hingewiesen. Seine Widmung bleibt umstritten.

Meine Damen und Herren, die Eröffnung eines solchen Denkmals ist kein Anlass zu fröhlichem Feiern, gewiss. Aber sie ist für mich als Bauherrn doch Anlass zum Dank an alle Beteiligten – dafür, dass der Beschluss des Bundestages nunmehr verwirklicht ist.

Der Anstoß zu diesem Denkmal ist aus einer bürgergesellschaftlichen Initiative entstanden. Ich möchte dafür dem Förderkreis und stellvertretend für ihn Lea Rosh und Eberhard Jäckel herzlich danken – für ihre geduldige Ungeduld, ihr unbeirrbares, störrisches Engagement, mit dem sie das Projekt bis heute getragen haben.

Mein Dank gilt dem Architekten Peter Eisenman für seinen ingeniösen Entwurf und, ja, – auch für seine Geduld.

Mein Dank gilt Dagmar von Wilcken, der leisen, der sensiblen, der präzisen Gestalterin des Ortes der Information.

Mein Dank gilt der Gedenkstätte Yad Vashem und allen anderen befreundeten Gedenkstätten, die uns auf vielfältige Weise unterstützt haben. Dass Yad Vashem mit uns zusammenarbeitet ist wahrlich nicht selbstverständlich, es beschämt uns. Diese Zusammenarbeit beschämt uns, es ehrt uns, es fordert uns für die Zukunft heraus.

Mein Dank gilt den jüdischen Familien, den Überlebenden des Holocaust, die für uns ihre persönlichen Archive geöffnet und uns die Zeugnisse ihres Lebens und Leidens zur Verfügung gestellt haben.

Mein Dank gilt dem Kuratorium, dem Beirat, der Geschäftsstelle der Stiftung, die alle fleißig diskutiert und gearbeitet haben.

Und – nicht zuletzt – gilt mein Dank allen, die an der ganz praktischen Realisierung des Baus beteiligt waren: den bauausführenden Büros und Firmen, den Handwerkern, den Bauarbeitern.

Meine Damen und Herren, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist eine begehbare Skulptur, die – so mein Empfinden – eine große emotionale Kraft entfaltet, es ist eine bauliche Symbolisierung für die Unfasslichkeit des Verbrechens.

Es ist – im wirklichen Sinne des Wortes – ein offenes Kunstwerk. Offen gegenüber der Stadt, dem räumlichen Umfeld, in das es übergeht. Offen für seinen vielfältigen individuellen Gebrauch: Dieses Denkmal kann man nicht »kollektiv« begehen, es vereinzelt. Es ermöglicht eine sinnlich-emotionale Vorstellung von Vereinsamung, Bedrängnis, Bedrohung. Es erzwingt nichts.

Ich habe die Hoffnung, dass Menschen, auch und gerade junge Menschen normaler Empfindsamkeit das empfinden werden, die begriffslose Ausdruckskraft dieses Denkmals spüren, von ihm berührt sein werden und betroffen und fragend den Ort der Information aufsuchen. Hier bekommen die Opfer Namen und Gesichter und Schicksale – wer wird sich dem entziehen können! Und dann wieder durch das Stelenfeld gehen und der Opfer gedenken.

So kann es sein, so ist es gemeint: Nicht eine Art negativer Nostalgie, sondern ein Gedenken der Opfer, das uns in der Gegenwart und Zukunft verpflichtet: zu einer Kultur der Humanität, der Anerkennung, der Toleranz in einer Gesellschaft, in einem Land, in dem wir ohne Angst als Menschen verschiedene sein können.

Rede von Dr. h. c. Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, anlässlich der Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas

Herr Bundespräsident, Herr Bundestagspräsident, Herr Bundeskanzler, Herr Bundesratspräsident, meine Damen und Herren Abgeordnete, Exzellenzen, Eminenzen, Rabbiner, Präsidenten und Vorsitzende, Mr. Eisenman, meine Damen und Herren!

Als die Alliierten 1945 die Konzentrations- und Vernichtungslager befreiten, glaubten viele Überlebende, mit dem Ende des Holocaust sei die Geißel des Antisemitismus überwunden. Heute, 60 Jahre später, bekennt sich der Nobelpreisträger und Buchenwald-Überlebende Elie Wiesel voller Sorge zu seiner damaligen Naivität: »Wenn man mir 1945 gesagt hätte, dass ich 2005 gegen den Antisemitismus kämpfen würde, hätte ich das nie geglaubt. Jetzt ist die Gefahr wieder da.« Wiesel fürchtet eine Banalisierung der Erinnerung durch einen verantwortungslosen Umgang mit der historischen Wahrheit, wie er seiner Meinung nach teilweise in den Medien und verschiedenen Filmproduktionen zu beobachten ist.

Die Mahn- und Gedenkstätten an den ehemaligen Orten der Vernichtung versuchen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken und haben sich, soweit dies möglich ist, der Bewahrung und Vermittlung der historischen Wahrheit verschrieben. Das an diesen Orten praktizierte Erinnern an das Unfassbare dient einem einzigen Ziel: Es soll verhindern, dass sich eine dem nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen vergleichbare Katastrophe jemals wiederholt. Im Mittelpunkt von Jugendprojekten, Ausstellungen und Initiativen gegen Rassismus und Antisemitismus stehen deshalb immer zwei Fragen: »Warum waren Menschen eines zivilisierten Volkes im Herzen Europas fähig, einen Massenmord zu planen und durchzuführen?« Und: »Wie konnte es soweit kommen?« Diese zentralen Fragen verweisen auch auf die Opfer, vor allem aber verweisen sie auf Motive und Vorgehensweise der Täter.

Das »Denkmal für die ermordeten Juden Europas« ehrt die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, verweist aber nicht unmittelbar auf die Täter. Die Täter und Mitläufer von einst und deren heutige Gesinnungsgenossen müssen sich beim Besuch des Denkmals nicht unmittelbar angesprochen fühlen. Das Mahnmal selbst entzieht sich der Frage nach dem »Warum?« und enthält sich jeder Aussage über die Schuldigen wie auch über die Ursachen und Hintergründe der Kriegskatastrophe. In bester Absicht und künstlerisch beeindruckend wurde stattdessen die Vorstellung von den Juden als dem Volk der Opfer in 2711 Betonstelen gegossen. Das Gedenken an die Ermordeten erspart den Betrachterinnen und Betrachtern die Konfrontation mit Fragen nach Schuld und Verantwortung. Vor diesem Hintergrund ist der »Ort der Information« eine unerlässliche Ergänzung des Denkmals. Erfahrungsgemäß wird sich jedoch nur ein Teil der Besucherinnen und Besucher die Mühe machen, die auf dem Stelenfeld gesammelten Eindrücke durch zusätzliche Fakten zu vertiefen. Schließlich ist die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland wie auch in anderen Ländern, der irrigen Auffassung, genug über den Holocaust zu wissen, ja geradezu übersättigt zu sein mit Informationen über die NS-Zeit. Auch aus diesem Grund wäre es wünschenswert gewesen, die Motive der Täter im Denkmal selbst zu thematisieren und damit eine unmittelbare Auseinandersetzung mit Tat und Täter zu ermöglichen.

Meine Damen und Herren, meine Einwände beziehen sich auf die meines Erachtens unvollständig gebliebene Aussage des Denkmals. Ungeachtet dessen liegt mir daran, angesichts der mit diesem Bauwerk zum Ausdruck gebrachten Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft, meine Anerkennung und Wertschätzung für das gesamte Projekt zu betonen. Die Hartnäckigkeit und Leidenschaft, mit der die Initiatoren des Denkmals, besonders Lea Rosh und Professor Jäckel, seit rund fünfzehn Jahren für die Verwirklichung ihres Anliegens kämpfen, haben mich außerordentlich beeindruckt. Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang den Beschluss des Deutschen Bundestages zum Bau des Denkmals. Das damit verbundene Bekenntnis aller Fraktionen, auch langfristig für das Gedenken an die von Deutschen während des Zweiten Weltkrieges verübten Verbrechen eintreten zu wollen, war ein wichtiges und notwendiges Signal im Kampf gegen das Vergessen.
Gleiches gilt für die öffentliche Debatte, von der die Planung und Entstehung des Mahnmals Jahre hindurch begleitet wurde. Die zeitweise emotional aufwühlende Auseinandersetzung lieferte viele bemerkenswerte Beiträge zum deutsch-jüdischen Diskurs über die nach wie vor belastende Vergangenheit. Leider barg diese Diskussion die Gefahr einer Hierarchisierung der Opfer und des erlittenen Leides. Im Angesicht von Folter und Tod gibt es jedoch keine Abstufung individuell erlittenen Leids. Schmerz und Trauer über den erlittenen Verlust sind in jeder betroffenen Familie groß. Ich unterstütze deshalb nachdrücklich die Forderung anderer Opfergruppen nach würdigen öffentlichen Orten eigenen Gedenkens.

Dass sich die Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in diese Richtung entwickelt hat, ist bedauerlich. Dies umso mehr, als schon die Entstehungsgeschichte darauf verweist, dass es sich hier um das offizielle Denkmal der Bundesrepublik Deutschland zum Gedenken an die Ermordung der europäischen Juden handelt und nicht – wie vielfach missverständlich dargestellt – um den zentralen Gedenkort der Juden in Deutschland. Abgesehen von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel bestehen unsere Orte der Trauer und des Gedenkens seit über siebzig Jahren – und zwar sind dies: Die ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager, die Massengräber, Erschießungsstätten und Orte der Folter, die Rampen, an denen die Menschen in Viehwaggons abtransportiert wurden, bis hin zu den vielen Plätzen in Deutschland, wo Synagogen und Gemeindehäuser in Flammen aufgingen. Hier wurde unseren Familienmitgliedern, Verwandten, Freunden und ungezählten namenlosen Opfern unermessliches Leid zugefügt. Hier wurden wir von unseren Nachbarn und Landsleuten gedemütigt, verraten und Millionen von uns auf grausamste Art ermordet. Nirgendwo sind wir den Verstorbenen näher und nirgendwo lässt sich ein unmittelbarer, umfassender Zugang zu den Gräueltaten der Nationalsozialisten finden wie an diesen authentischen Orten. Dieses Empfinden wurde erst kürzlich durch ein bewegendes Ereignis neu ausgelöst, als bei Bauarbeiten auf dem ehemaligen Gelände des Konzentrationslagers Sachsenhausen bis zu anderthalb Meter dicke Schichten menschlicher Asche gefunden wurden: die Überreste zehntausender ermordeter Häftlinge. In 150 Massenurnen zu je 30 Kilogramm fanden die Toten im Jahr 2005 endlich ihre letzte Ruhe. Die feierliche Bestattung am 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers unterstreicht einmal mehr die herausgehobene Bedeutung der authentischen Gedenkstätten, die immer auch Orte der Totenruhe sind. Es wäre deshalb nicht nur bedauerlich, sondern geradezu skandalös, wenn die Gedenkstätten langfristig einen Preis für die Errichtung des »Holocaust-Mahnmals« zu zahlen hätten. Abgesehen davon: Ohne die historische Erinnerung, ohne die authentischen Vernichtungsorte wird auf Dauer jedes abstrakte Denkmal seine Wirkung als Zeichen gegen das Vergessen verlieren.

Meine Damen und Herren, die Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas fällt zeitlich zusammen mit dem Gedenken an die Befreiung der Konzentrationslager und das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 60 Jahren. Der 8. Mai 1945 ist der Tag der Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime. Eine Befreiung für sämtliche überlebenden Opfer der Gewaltherrschaft und deren Nachfahren. Wer diesen Tag noch immer als Niederlage Deutschlands sieht, der sollte sich bewusst machen, was aus Deutschland wirklich geworden wäre, wenn der Nationalsozialismus gesiegt hätte. Denn erst das Ende des nationalsozialistischen Unrechtsregimes ermöglichte uns allen ein Leben in Freiheit. Dieser Überzeugung folgten am vergangenen Wochenende Zehntausende von Bürgerinnen und Bürger aus allen Bereichen der Gesellschaft und setzten nicht zuletzt hier in Berlin am Brandenburger Tor und am Alexanderplatz ein eindrucksvolles, ermutigendes, aber auch notwendiges Zeichen für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit in Deutschland.

Meine Damen und Herren, in diesen Tagen erinnern wir uns an die Millionen ermordeter Jüdinnen und Juden, an die ermordeten Angehörigen des Volkes der Sinti und Roma, an die Homosexuellen und alle anderen politisch, ethnisch und religiös Verfolgten sowie an die unschuldigen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft unter der deutschen Zivilbevölkerung. Aber es sind auch Tage, an denen wir mit Dankbarkeit und Hochachtung der Überlebenden und Zeitzeugen gedenken, deren Schilderungen uns eine Ahnung des Unfassbaren vermitteln. Die Zeit, die ihnen bleibt, Zeugnis abzulegen, ist begrenzt. Die Nachgeborenen stehen deshalb in der historischen Pflicht, das Vermächtnis der Zeitzeugen weiter zu geben. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist zwar kein authentischer Ort. Und doch hoffe ich, dass dieses Denkmal Herz und Gewissen jeder Besucherin und jedes Besuchers erreicht. Möge es dazu beitragen, jene Erinnerung wach zu halten, die mit dem Verstummen der Zeitzeugen zu verblassen droht.

Rede von Architekt Prof. Peter Eisenman anlässlich der Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas

Herr Bundeskanzler,
Herr Bundespräsident,
Mitglieder des Kuratoriums,
verehrte Gäste,
liebe Familie,
liebe Freunde,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich spreche heute als Architekt und als ganz normaler Mensch: Dies ist für uns alle ein denkwürdiger Tag. Es ist und war für mich eine beeindruckende Erfahrung. Ich bin stolz darauf, dass ich die Möglichkeit hatte, mit meinen Kolleginnen und Kollegen und den Mitgliedern des Kuratoriums zusammenzuarbeiten, um schließlich hier zu stehen. Wie Paul Spiegel bereits ausgeführt hat, gab es durchaus viele Debatten, kontroverse Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten. Aber das ist eine gesunde Entwicklung, und ich glaube, dass unser Projekt dadurch besser geworden ist, als es zu Anfang war. Es ist klar, dass wir nicht alle Probleme lösen oder alle Beteiligten zufrieden stellen konnten. Aber dies konnte auch gar nicht unsere Absicht sein, denn dann hätten wir nichts erreicht. Hätten wir das Ergebnis gekannt, bevor wir mit dem Projekt begonnen haben, hätten wir gar nicht erst angefangen. Vieles von dem, was wir erreicht haben, ist auf die Zuversicht der Mitglieder des Kuratoriums zurückzuführen, dass wir gemeinsam erfolgreich sein würden. Der heutige Erfolg ist jedoch nicht unsere eigentliche Absicht, denn er ist nur vorübergehend. Stattdessen haben wir zwei Ziele verfolgt.

Zum einen wollten wir eine ständige Erinnerung schaffen und aufzeichnen, was in dieser Hauptstadt geschehen ist. Zweitens – und das ist vielleicht noch wichtiger – wollten wir eine Debatte mit offenem Ende initiieren, die von einem derartigen Projekt angeregt wird, und es zukünftigen Generationen ermöglichen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Wir wollten ihnen also nicht vorschreiben, was sie denken sollen, sondern ihnen das Nachdenken ermöglichen.

Aus diesen Gründen stellten wir die meisten bestehenden Vorstellungen von einem Denkmal in Frage. Wir versuchten nicht, einfach nur zu provozieren, sondern etwas zu schaffen, das das Gewöhnliche und die Nüchternheit widerspiegelt, mit denen alle diejenigen, die gelitten haben, konfrontiert wurden. Und vielleicht macht diese Einfachheit ja den provokativen Charakter dieser Arbeit aus.

Im Verlauf dieses Projektes sind alle von uns Risiken eingegangen, aber ich persönlich habe dabei gelernt, für das zu kämpfen, was ich in Bezug auf das Denkmal für richtig hielt, und zurückzustecken, wenn ich im Unrecht war. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich mich in Bezug auf die Einbeziehung des Orts der Information geirrt habe. Ich glaube, der Ort und das Stelenfeld sind in ihrem Zusammenspiel sehr wichtig. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben schreibt diese Woche in der »Zeit«: Es gibt zwei Vorstellungen von Erinnerung. Zum einen das Unvergessliche, die Stille des Stelenfeldes; zum anderen das Denkwürdige, das in den Archiven, im Ort der Information, aufgezeichnet ist. Erst sie zusammen ergeben dieses Denkmal.

Wie ich bereits zu Beginn gesagt habe, war es für mich eine beeindruckende Erfahrung, und es ist mir wichtig, dies zu wiederholen. Am bemerkenswertesten für mich war aber vielleicht, dass ich durch diesen Prozess meinem eigenen Jüdischsein näher gekommen bin. Orthodoxe Juden oder Reformjuden, religiöse oder säkulare Juden, Aschkenasim oder Sephardim, deutsche oder polnische Juden – in ihren Augen waren wir alle gleich.

Jetzt bleibt mir nur noch, zu schweigen, dieses Denkmal dem Deutschen Volk zu übergeben – für die Gegenwart und die Zukunft – und es zu den Deutschen und für die Deutschen und zur Welt sprechen zu lassen. Im Herzen bin ich New Yorker, aber von heute an bleibt ein Teil meiner Seele für immer hier in Berlin.

Ich danke Ihnen.

Rede von der Holocaustüberlebenden Sabina van der Linden (geb. Haberman) anlässlich der Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas

Exzellenzen,
Herr Vorsitzender von Yad Vashem,
liebe Holocaust-Überlebende,
meine Damen und Herren,

diesen außergewöhnlichen Tag hätte ich mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen ausmalen können: Hier, an diesem Ort, ist nach jahrelangen Kontroversen, öffentlichen Auseinandersetzungen, Debatten und dem Bundestagsbeschluss vom 25. Juni 1999 die Vision von Lea Rosh und ihren Mitarbeitern Wirklichkeit geworden. Und heute stehe ich hier vor Ihnen anlässlich der Einweihung dieses großartigen Denkmals für die Ermordeten Juden Europas, und ich danke Ihnen dafür. Ich bin zutiefst beeindruckt angesichts dieser Ehre und überwältigt von der Verantwortung. Denn ich bin die Stimme der sechs Millionen misshandelten und ermordeten Juden, darunter eineinhalb Millionen Kinder, und ich bin auch die Stimme der wenigen, die davongekommen sind – die Stimme der Überlebenden.

Ich bin die einzige in meiner gesamten Familie, die überlebt hat. Ich bin Zeugin der unerträglichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Versuchen Sie nicht die ältere Frau zu sehen, die vor Ihnen steht, sondern ein elfjähriges Mädchen aus Boryslaw, einem kleinen Ort im damaligen Polen. Es ist der 1. Juli 1941, ein wichtiges Datum – die Wehrmacht besetzt unsere Stadt. Drei Tage später: ein zweitägiges Pogrom, das uns einen Vorgeschmack auf unser Leben unter der Herrschaft von Nazi-Deutschland gibt. Die deutschen Behörden haben den Ukrainern und Polen, die ihre schutzlosen jüdischen Nachbarn angriffen, »freie Hand« gelassen. Ich – ein elfjähriges Kind – werde Zeugin von unbeschreiblichen Grausamkeiten, Morden, Vergewaltigungen und Folterungen. Bestürzung, völliges Unverständnis – warum? Warum geschieht dies? Wie können Menschen, ganz normale Menschen, so herzlos und grausam sein? Warum tut man uns dies an? Wir haben doch nichts Böses getan. Wochen vergehen. Ich muss eine Armbinde mit dem Judenstern tragen. Warum? Ich darf meinen geliebten Hund und meine geliebte Katze nicht behalten. Warum? Meine Freunde dürfen nicht mehr mit mir spielen, ich darf nicht mehr zur Schule gehen – warum?

Die Zeit vergeht, und die Ermordungen und Deportationen gehen weiter. Verzweiflung, Erniedrigung, Hunger, Demütigungen – und man klammert sich verzweifelt an das letzte bisschen Würde. Dies wurde für uns zum Alltag. Am 6. August [1942] beginnt eine »Aktion«, die drei Tage andauert. Meine Mutter und ich verstecken uns, aber unser Versteck wird entdeckt, und man bringt uns an einen Ort, wo eine Selektion stattfindet. Ich klammere mich verzweifelt an die Hand meiner Mutter, aber ich werde brutal von ihr getrennt und zur Arbeit an einen anderen Ort gebracht und nach ein paar Tagen freigelassen. Ich sehe meine Mutter nie wieder. Erst viele Monate später erreichen uns die Gerüchte über das Todeslager Belzec, den Ort, an dem sie und die 5.000 anderen jüdischen Opfer des selben Transports vergast wurden.

Und wieder geht das Alltagsleben – wenn man es überhaupt Leben nennen kann – ohne jede Hoffnung weiter. Von »Aktion« zu »Aktion« versuchen wir uns zu verstecken, bauen Bunker im Wald, entgehen der Deportation – der Kampf ums Überleben, ein verzweifelter Kampf. Und die Angst, lähmende Angst ...

Mein Vater und mein Bruder Joseph suchten nach einem sicheren Zufluchtsort für mich. Deshalb sprachen sie einige unserer christlichen Freunde an und baten sie, mir Schutz zu gewähren. Und diese guten, tapferen Menschen nahmen mich in ihr Heim auf und setzten ihr eigenes Leben aufs Spiel, denn das Verstecken von Juden wurde mit dem Tod bestraft. So lebte ich also, unterdrückte meine Gefühle, versteckte meine Identität, lebte in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Und als es für unsere Freunde zu gefährlich wurde, mich länger zu beschützen, brachte mich mein Bruder in den Bunker im Wald, den er zusammen mit seinen Freunden gebaut hatte. Während ich versteckt im Wald lebte, waren mein Vater, mein Bruder und der beste Freund meines Bruders im Arbeitslager. Sie versuchten zu fliehen, wurden jedoch gefasst und auf Befehl des Lagerinspektors ermordet – als Warnung für die übrigen Juden, die noch im Lager waren. Dies geschah am Morgen des 19. Juli 1944. 17 Tage später, am 6. August, wurde unsere kleine Stadt Boryslaw von der sowjetischen Armee befreit.

Dies alles ist vor so langer Zeit geschehen, vor 60 Jahren. Die Erinnerungen verblassen ein wenig, aber sie geraten niemals in Vergessenheit. Und was denke und fühle ich, wenn ich hier vor Ihnen stehe und meine Familie, meinen Sohn und meine Tochter, ihre Partner, meine Enkel und meinen Mann sehe, die die weite Reise von Australien nach Berlin auf sich genommen haben, um bei mir zu sein und mich mit ihrer Liebe und ihrer Unterstützung zu beschützen? Was habe ich aus meinen bitteren Erfahrungen gelernt? Ich habe gelernt, dass Hass immer Hass hervorbringt. Ich habe gelernt, dass wir nicht schweigen dürfen und dass jeder Einzelne von uns gegen das Böse in Gestalt von Rassismus, Diskriminierung, Vorurteilen, Unmenschlichkeit kämpfen muss. Ich habe wiederholt gesagt, dass ich nicht an Kollektivschuld glaube. Und ich erlaube mir, die Worte des großen Schriftstellers und außergewöhnlichen Menschen Elie Wiesel wiederzugeben: »Die Kinder der Mörder sind keine Mörder. Wir dürfen ihnen niemals die Schuld für das geben, was ihre Vorfahren getan haben. Aber wir können sie dafür zur Verantwortung ziehen, wie sie mit der Erinnerung an das Verbrechen ihrer Vorfahren umgehen.«

Es war das Schicksal unseres Volkes, mit den schlimmsten Erscheinungen des Bösen in der Geschichte der Menschheit konfrontiert zu werden, und dennoch: Unsere Unterdrücker sind untergegangen, und wir haben überlebt.

Aus dieser Perspektive blicken wir in die Zukunft, zuversichtlich, dass letztlich der menschliche Geist über die brutale Gewalt siegt. Dies ist nicht nur ein Sieg für das jüdische Volk, sondern auch ein Sieg aller guten Menschen über das Böse.

Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren.

Rede von Lea Rosh, Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas e. V., anlässlich der Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas

Herr Bundespräsident, Herr Bundestagspräsident, Herr Bundeskanzler, Herr Regierender Bürgermeister von Berlin, verehrte Gäste aus Israel!

Ich grüße besonders die Überlebenden des Holocaust.

Mein Herz ist voller Trauer. Und voller Dankbarkeit. Trauer um die Ermordeten. Die vielen Millionen jüdischen Ermordeten. Die Tränen um sie, denkt man, müssten ein Meer füllen. Das Verbrechen, dem sie zum Opfer fielen, ist so unvergleichlich, so einzigartig, so schaurig, so unermesslich groß, dass man meint, die Sonne hätte sich für immer in Trauer hüllen müssen. Aber die Sonne schien und scheint weiter. Keine Gedichte mehr nach Auschwitz? Es wurden weiter Gedichte geschrieben. Oh doch. Aber eben auch Gedichte gegen das Vergessen. Ein kurzes Gedicht von Johannes Bobrowski möchte ich Ihnen vortragen. Es ist. Es heißt »Holunderblüte«:

Es kommt
Babel, Isaak.
Er sagt: Bei dem Pogrom,
als ich Kind war,
meiner Taube
riss man den Kopf ab.

Häuser in hölzerner Straße,
mit Zäunen, darüber Holunder.
Weiß gescheuert die Schwelle,
die kleine Treppe hinab -
Damals, weißt Du,
die Blutspur.

Leute, ihr redet: Vergessen –
Es kommen die jungen Menschen,
ihr Lachen wie Büsche Holunders.
Leute, es möcht' der Holunder
sterben, an eurer Vergesslichkeit.

Nein, noch einmal sollten sie nicht sterben müssen. Das wollten wir verhindern, dass ihre Auslöschung der bequemen Vergesslichkeit anheim fiel. Wir wollten mit diesem Denkmal an diese einzigartige Tat erinnern. Wir wollten mit diesem Denkmal die Ermordeten ehren. Wir wollten mit diesem Denkmal den Ermordeten ihre Namen zurückgeben. Dass uns dies gelungen ist, dafür sind wir zutiefst dankbar.

Wer ist »WIR«? Wir, das sind Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, deutsche Nichtjuden, die seit 17 Jahren für dieses Denkmal kämpften. Viele von ihnen sind heute unter uns, ich habe die Ehre, für sie sprechen zu dürfen. Und ich statte Ihnen allen hiermit meinen tiefen Respekt und meinen Dank ab, dass Sie sich jahrelang, seit 1988, nicht haben irre machen lassen und dass Sie standhaft geblieben sind. Und dass Sie Monat für Monat Ihren finanziellen und damit auch Ihren ideellen Beitrag geleistet und uns, dem Vorstand dieser Bürgerinitiative, damit den Rücken gestärkt und immer wieder Mut gemacht haben, weiter für das Denkmal zu werben. Dank an Euch alle.

Und Dank an Yad Vashem, die uns, den Nachkommen der Täter, die Namen ihrer jüdischen Opfer überlassen haben, damit wir ihre Namen nennen können. Wir, die Mitglieder des Förderkreises, die mit dieser Idee an Yad Vashem herangetreten waren, werden weiter dafür arbeiten, dass möglichst alle Opfernamen, alle, eines Tages im »Raum der Namen« zu sehen und zu hören sein werden.

Mein Dank geht aber auch an andere. Es sind für mich vor allem sieben  Menschen, ohne die ich heute hier nicht stände, ohne die wir heute das Denkmal nicht eröffnen
könnten.

Da ist zu aller erst: Eberhard Jäckel. Eberhard, Dir ist alles zu verdanken. Du hattest die Idee, den zündenden Gedanken, du hast ihn mir übertragen. Es war in Yad Vashem, im Jahr 1988, wir drehten für die ARD eine Fernsehdokumentation über den Mord an den Europäischen Juden. Dort sagtest Du zu mir: »Wir müssen in Deutschland ein Denkmal haben, das an diese Tat erinnert und das die jüdischen Opfer ehrt und sie bei Namen nennt.« Da sagte ich zu Dir: »Na, dann werden wir den ermordeten europäische Juden eben ein solches Denkmal bauen.« Eberhard, ich danke Dir.

Dann ist da Jakob Schulze-Rohr, mein Mann. Immer, wenn ich schwach zu werden drohte, wenn ich nach Hause kam in diesen vielen schwierigen Jahren und sagte: »Es reicht, jetzt ist es genug, wir geben auf«, warst Du wie ein Fels in der Brandung. »Aufgeben?« Du warst immer ganz ruhig und ganz entschieden. »Aufgeben« kam für Dich gar nicht in Frage. Und für mich dann eben auch nicht mehr. Jakob, dafür danke ich Dir.

Dann waren da Edzard Reuter und Marcus Bierich. Ohne deren Hilfe, ohne deren ganz private Anschubfinanzierung hätten wir unsere erste Werbekampagne nicht beginnen können. Die Namen Daimler-Benz AG und Robert Bosch GmbH öffneten sicher auch manche Türen, die wir aufzumachen versuchten. Dank dafür an Edzard Reuter.

Dann ist zu nennen der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Helmut Kohl hat mit seiner alleinigen und eigenmächtigen Entscheidung, den preisgekrönten und von uns favorisierten Entwurf des ersten Wettbewerbs, die berühmte Namensplatte mit Platz für sechs Millionen Vor- und Nachnamen, zu verwerfen, uns und den Gremien, die sich ja dafür entschieden hatten, eine niederschmetternde Enttäuschung bereitet. Dennoch hat Helmut Kohl das Denkmal, ein Denkmal, gewollt. Und er hat sich in seiner Kanzlerzeit dafür wahrlich verkämpft und er hat es unumkehrbar auf den Weg gebracht. Dafür gebührt ihm Dank.

Aber für diesen Weg brauchten wir dringend Hans-Jochen Vogel. Hans-Jochen Vogel war immer für das Denkmal. Er war immer auf und an unserer Seite. Und er war es, der mit uns in der SPD-Fraktion gegen den Versuch, an Stelle des Denkmals für die ermordeten Juden ein Holocaust-Museum zu errichten, entschieden und wortgewaltig gestritten und gekämpft hat. Wir haben diesen Auftritt nie vergessen.

Wir danken Ihnen für Ihre Hilfe und Ihr Engagement.

Und dann war da schließlich eine Frau, die in ihrer Zeit als kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion und Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien die Debatte um das Denkmal gegen alle und viele Widerstände durchgesetzt hat: Elke Leonhard. Seit dieser Debatte und der Entscheidung des Parlaments dafür, seit diesem 25. Juni 1999, da konnten wir ganz beruhigt und gewiss sein, dass den ermordeten Juden Europas im Land der Täter ein sie ehrendes Denkmal errichtet werden würde. Elke, dafür danken wir Dir.

Bundestagsdebatte. Ich war über die gedankliche Schärfe der Debattenbeiträge und die Entschiedenheit der vielen Verfechter für das Denkmal erstaunt und erleichtert. Es ist bisher, wir haben es schon gehört, weltweit ohne Vorbild, dass sich ein Volk zu seinem größten Verbrechen bekennt, dieses im Zentrum seiner Hauptstadt für immer sichtbar macht und die von ihm Ermordeten so unübersehbar ehrt. Jakob Schulze-Rohr formulierte es so: »Es lebt sich jetzt leichter in diesem Land.« 

Immer wieder werde ich gefragt, trotz aller Erklärungen und Begründungen, weshalb Eberhard Jäckel und ich dieses Denkmal so unbedingt wollten.
Ich will es heute erklären: Bei unseren Dreharbeiten für unseren Fernsehfilm über den Mord an den europäischen Juden  waren wir dort, wo sie ermordet wurden, in Polen. Wir waren in den sechs Vernichtungsstationen: Wir waren in Chelmno und in Sobibor und in Belzec und in Treblinka und in Majdanek und in Auschwitz. Das war schrecklich.

In Auschwitz die Gaskammern. In Majdanek die Verbrennungsöfen. In Treblinka die Gleise, die an einer Rampe endeten. In Sobibor der viele Meter hohe Aschehaufen, am Fuß des Berges die Knochen. In Chelmno das kleine Schlösschen neben der Kirche, wo die Gaswagen abfuhren. Und in Belzec die langen Gräben, in die die Opfer hineingestoßen wurden, auch wenn sie noch lebten.

In Belzec, im Sand, neben einem der langen Gräber, fand ich diesen Zahn. Es ist ein Backenzahn. Es lagen noch mehr Zähne dort, im Sand. Aber diesen einen habe ich mitgenommen. Habe ihn fest in meiner Hand verschlossen. Und ich habe damals versprochen, ja, geschworen, dass wir den Ermordeten ein Denkmal errichten würden. Und dass dieser Zahn darin einen Platz finden sollte. Heute, nach fast genau 17 Jahren, kann ich das Versprechen einlösen. Denn ich habe mit Peter Eisenman verabredet, dass er im Stelenfeld, in einer Stele, einen Platz schaffen wird, in dem dieser Zahn liegen wird.

Und dann dieser gelbe Stern, den mir eine Frau in Amsterdam gegeben hat. Er hatte ihrer Mutter gehört. Sie hatte ihn der Tochter, bevor sie abgeholt wurde, zum »Arbeitseinsatz, im Osten«, in die Hand gedrückt. Zur Erinnerung, weil sie vielleicht ahnte, dass ihr Leben ausgelöscht werden  würde, bei diesem »Arbeitseinsatz, im Osten«. Als die Frau mir den Stern ihrer Mutter gab, weinte sie bitterlich. Ich habe ihr versprochen, dass er einen würdigen Platz erhalten würde. Heute, nach 17 Jahren, kann ich dieses Versprechen einlösen. Er wird in einer Stele, neben dem Backenzahn, liegen.

Ich will einen Freund zitieren, der mir einen mich tief bewegenden Brief geschrieben hat. Darin heißt es: »Es gibt nun, woran niemand geglaubt hatte und was wenige zu hoffen wagten, es gibt nun einen Ort, wo alle die, die kein anderes Grab fanden als eins ›in den Lüften‹, ihre Stele, etwas Irdisches haben. Sie sind endlich angekommen dort, wohin wir Menschen alle am Ende gehören: Auf und in die Erde.«

Dahin kommt der Zahn. Dahin kommt der Stern. Die Ermordeten haben kein Grab.*
Aber dieses Denkmal soll dafür stehen. Es soll auch die Namen der Ermordeten bewahren. Es soll die Erinnerung wach halten an die Opfer, an die Tat. Es ist kein Denkmal, das über die Täter aufklären wollte. Es ist ein Denkmal für die Opfer.

Dass dies möglich geworden ist, dafür haben alle Dank verdient, die daran mitgewirkt haben. Dank auch an Wolfgang Thierse.

* Lea Rosh hat wenige Tage nach ihrer Rede von diesem Vorhaben Abstand genommen.

Das Programm sowie alle Reden der Eröffnungsfeier können Sie hier als PDF downloaden.