Reden von der Einweihung am 24. Oktober 2012

Bild: Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, Foto: Marko Priske

Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas

Datum: 24.10.2012
Ort: Simsonweg/Scheidemannstraße, 10117 Berlin

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,
dies ist ein besonderer, ein bewegender Augenblick: Nach vielen Jahren der Diskussion können wir heute endlich das Denkmal einweihen, das an den Völkermord und die entsetzlichen Verbrechen erinnert, die während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in ganz Europa an den Sinti und Roma und an den als so genannte Zigeuner Verfolgten verübt wurden. Dazu gehören auch die Jenischen.

Der Völkermord, dem etwa 500.000 Menschen zum Opfer fielen, wurde planmäßig und systematisch durchgeführt mit dem Vorsatz und dem Willen zur endgültigen Vernichtung. Dies macht uns immer wieder fassungslos und erfüllt uns als Deutsche mit Scham!

Nur wenige haben die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie überlebt. Nur wenige können noch Zeugnis von dem unermesslichen Leid ablegen, das den Sinti und Roma angetan wurde.

Für uns alle ist es eine besondere Ehre, dass heute Überlebende zusammen mit ihren Angehörigen anwesend sind und dafür zumeist eine weite Anreise auf sich genommen haben. Stellvertretend für sie alle begrüße ich mit besonderer Herzlichkeit Zoni Weisz!

Die Errichtung des Denkmals war ein langer und schwieriger Weg, aber es war richtig und wichtig, ihn zu gehen. In Berlin, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, ist damit ein Erinnerungszeichen von besonderer Bedeutung entstanden. Ich danke allen, die trotz immer wieder aufgetretener Hindernisse dieses Vorhaben bis heute begleiteten.

An erster Stelle nenne ich Romani Rose, den Vorsitzenden des Zentralrates der Sinti und Roma. Mit Ihrem Namen, lieber Herr Rose, ist die Initiative zu diesem Denkmal untrennbar verbunden. Sie haben in den vielen Jahren alle Beteiligten immer wieder zusammen gebracht und von ihnen unermüdlich die Fortsetzung der Arbeit eingefordert. Wir danken Ihnen von ganzem Herzen!

Ich danke auch allen beteiligten Opferverbänden: dem Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma, der Sinti-Allianz Deutschland und Ihnen, lieber Timo Wagner, als dem Vertreter des Jenischen Bundes in Deutschland.

Bei allen unterschiedlichen Auffassungen haben die Opferverbände nie das Ziel aus den Augen verloren und schließlich durch die Bereitschaft zu Kompromissen seine Verwirklichung ermöglicht. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auch an die leider jüngst verstorbene Natascha Winter erinnern, die sich als Vorsitzende der Sinti Allianz Deutschland ebenfalls vehement für das Denkmal eingesetzt hat.

Es ist auch ein gutes Zeichen, dass alle Fraktionen des Deutschen Bundestages den Weg bis heute gemeinsam mitgegangen sind. Das Grundstück hier im Tiergarten, auf dem das Denkmal nun steht, hat das Land Berlin dankenswerterweise zur Verfügung gestellt und ebenfalls die Baumaßnahmen durchgeführt.

Es ist ein würdiger Ort im Zentrum Berlins in unmittelbarer Nachbarschaft zum Deutschen Bundestag und unweit des Denkmals für die ermordeten Juden Europas.

Besonders freue ich mich über die Anwesenheit von Dani Karavan, dem großen Künstler, der mit seinen Werken weltweit Maßstäbe gesetzt hat. Nach Ihrem Entwurf, lieber Herr Karavan, wurde das Denkmal errichtet; es ist ein ebenso eindringliches wie sensibles Kunstwerk entstanden.

Mit Beharrlichkeit und Geduld haben Sie die exakte Umsetzung Ihrer künstlerischen Vorstellungen verfolgt. Entstanden ist ein großes Werk der Erinnerung und Mahnung.

Sie sagen selbst, dieses Denkmal ist eines der wichtigsten Werke, das Sie geschaffen haben, wenn nicht das wichtigste von allen. Wir sind Ihnen sehr dankbar!

Meine Damen und Herren,
dieses Denkmal macht unmissverständlich deutlich, dass wir die Verbrechen an den Sinti und Roma nicht verdrängen, nicht vergessen und dass wir den Opfern ein würdiges Andenken bewahren. Es ist ein wichtiger Baustein der deutschen Erinnerungskultur, mit dem wir dokumentieren, dass der Völkermord an den Sinti und Roma Teil des historischen Gedächtnisses unseres Landes ist.

Aber dieses Denkmal soll nicht nur Teil der Erinnerung sein, sondern vor allem auch für die Zukunft eine eindringliche Mahnung und Aufforderung, gegen die Diskriminierung von Sinti und Roma anzugehen und sich immer wieder für Menschenrechte, Toleranz und den Schutz von Minderheiten einzusetzen – hier in Deutschland und darüber hinaus!

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Quelle: www.bundesregierung.de
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Rede von Zoni Weisz anlässlich der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin am 24.10.2012.

Exzellenzen, verehrte Gäste, liebe Freunde, Latcho Dives mare Sinti oen Roma

Ich begrüße ganz besonders alle Überlebenden des Völkermordes an den Sinti und Roma. Dies ist gerade für Sie, die Überlebenden, ein besonderer Tag. Ein Tag mit gemischten Gefühlen – einerseits Freude, dass dieses Denkmal nun endlich eingeweiht wird, und andererseits die unvermeidliche Erinnerung an die schreckliche Nazi-Zeit und an unsere Lieben, die den Nazi-Wahnsinn nicht überlebt haben.

Für mich als Überlebenden ist es eine besondere Ehre hier und heute reden zu dürfen – stellvertretend für die Hunderttausenden von Sinti und Roma, die dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer fielen.

Nach vielen Jahren der Vorbereitung und nach vielen Problemen, die erst überwunden werden mussten, ist es nun so weit. An diesem wundervollen Ort im Herzen Berlins dürfen wir die Einweihung unserer Gedenkstätte für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma erleben. Es ist dem Gestalter, dem israelischen Künstler Dani Karavan, gelungen, ein besonderes und interessantes Denkmal zu schaffen.

Leider ist es für viele Überlebende der Nazi-Schrecken inzwischen zu spät, aber für die wenigen, die das hier noch miterleben dürfen, und für ihre Familien ist dieses Denkmal in meinen Augen eine Art der Wiedergutmachung. Es ist eine spürbare Anerkennung für das von unserem Volk durchlittene, unfassbare Leid.

Bereits kurz nach der Machtübernahme durch Hitler und seine Nazi-Schergen 1933 wurden Sinti und Roma in Konzentrationslager deportiert. Weil sie waren, wer sie sind, Sinti und Roma. Totaler Wahnsinn!

Dass es Sinti und Roma, aber auch den Juden, schlecht ergehen würde, war damals schon klar. Schritt für Schritt wurden wir aller unserer Rechte beraubt.

Wir wurden identifiziert, registriert, isoliert, beraubt, deportiert und schließlich ermordet.

Ein sinnloser, industriell betriebener Mord war das, an wehrlosen, unschuldigen Menschen, ausgeheckt und sorgfältig ausgeführt von fanatischen Nazis und vielleicht noch fanatischeren Bürokraten. Verbrecher, die hierfür eine Legitimation in ihren Rassengesetzen fanden.

Eine halbe Million Sinti und Roma, Männer, Frauen und Kinder, wurden während des Holocausts ermordet. Nichts, fast nichts, hat die Gesellschaft daraus gelernt, sonst würde man jetzt auf andere Art und Weise mit uns umgehen.

Wenig, sehr wenig weiß die Welt vom Völkermord an Sinti und Roma.

Sogar in den Nürnberger Prozessen wurde nur summarisch über das Schicksal der Sinti und Roma gesprochen.

Ich hoffe, dass mit der Einweihung dieses Denkmals der – wie ich ihn nenne – »Vergessene Holocaust« nicht länger vergessen sein wird und die Aufmerksamkeit erhält, die er verdient.

In 1936 fanden hier in Berlin die Olympischen Spiele statt. Deshalb sollte Berlin »zigeunerfrei« gemacht werden. es wäre doch schrecklich, wenn »Zigeuner« das Straßenbild verschmutzen würden. Welchen Eindruck würde das auf die Welt machen? Fast alle Sinti und Roma wurden verhaftet und in ein Konzentrationslager in der Vorstadt Marzahn interniert, wo sie unter erbvärmlichen Umständen leben mußten. Sie wurden danach alle in Nazi-Vernichtungslager deportiert. Unter den Deportierten befand sich auch der Berliner Sinto Otto Rosenberg, der die Nazi-schrecken überlebte.

Meine Damen und Herren, heute kann ich hier bei Ihnen sein, weil ich dem so genannten »Zigeunertransport« am 19. Mai 1944 vom Lager Westerbork nach Auschwitz auf wundersame Weise entkommen bin. Auch ich sollte als siebenjähriger Junge mit diesem Transport deportiert werden und stand zusammen mit meiner Tante Moezla und einer kleinen Gruppe Familienangehörigen auf dem Bahnsteig, um auf den Zug nach Auschwitz zu warten.

Der Bahnsteig war voller Soldaten und Polizisten. Geschrei, stampfende Stiefel: Einsteigen, schnell, schnell! Da kam der Zug, in dem sich bereits mein Vater, meine Mutter, meine kleinen Schwestern und mein kleiner Bruder befanden.

Ich sah sofort, wo unsere Familie war. Mein Vater hatte den blauen Mantel meiner Schwester vor die Gitterstäbe des Viehwaggons gehangen. Ich erkannte ihn sofort. Es war ein Mantel aus weichem blauem Stoff. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich heute noch, wie herrlich weich sich der Mantel meiner Schwester anfühlte. Auch wir sollten mit auf diesen Transport nach Auschwitz gehen.

Mit Hilfe eines »guten« Polizeibeamten, wahrscheinlich ein Mitglied der Widerstandsbewegung, ist es uns gelungen, der Deportation zu entgehen.

Im letzten Augenblick, in dem wir uns sahen, schrie mein Vater voller Verzweiflung aus dem Viehwaggon meiner Tante zu:

»Moezla, pass gut auf meinen Jungen auf«. Das war das Letzte, was ich von meinen Lieben sah. Dieses Bild hat sich für immer in meine Netzhaut eingebrannt. Ich war allein. Als Kind von sieben Jahren hatte ich alles verloren und fiel in ein unermesslich tiefes Loch.

Oft, auch heute, muss ich an meine Mutter denken, die im »Zigeunerlager« in Auschwitz-Birkenau unter den schrecklichsten Umständen für meine Schwestern und meinen Bruder sorgen musste. Meine Mutter, die sich das Essen vom Mund absparte, um ihre Kinder am Leben zu erhalten.

Wir können uns keine Vorstellung von den unvorstellbaren Leiden machen, die meine Mutter und all die anderen Mütter erlitten haben. Sie mussten in manchen Fällen erleben, dass an ihren Kindern die fürchterlichsten medizinischen Experimente durchgeführt wurden. Schließlich wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 die noch verbliebenen 2.900 Frauen, Kinder und Älteren aus dem »Zigeunerlager« vergast, auch meine Mutter, meine Schwestern und mein Bruder.

Das ist der Grund, warum wir heute hier zusammengekommen sind.

Wir haben jetzt einen eigenen Ort, an dem wir unserer ermordeten Lieben gedenken können.

Meine Damen und Herren, dieses Denkmal ist ein Zeichen der Anerkennung – Anerkennung des uns in der Zeit des Nationalsozialismus zugefügten Leids.

Es ist ein Denkmal der Besinnung, aber auch ein Denkmal, das Fragen aufwirft.

Wie war es möglich, dass so viele unschuldige Menschen ermordet wurden?

Wie war es möglich, dass so viele Menschen weggeschaut haben und dachten, dass es so schlimm nicht kommen würde?

Wie war es möglich, dass so viele Menschen zu Mitläufern wurden und schließlich Teil des verhängnisvollen Nazi-Systems und damit mitschuldig an dem größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte?

Wir müssen Lehren aus der Geschichte ziehen. Es kann und darf nicht sein, dass unsere Lieben umsonst gestorben sind, dass wir nichts aus der Geschichte gelernt haben. Wir haben die Aufgabe, die Voraussetzungen zu schaffen, dass Minderheiten in Frieden und Sicherheit leben können.

Meine Damen und Herren, dieses Denkmal ist auch ein Zeichen der Hoffnung.

Hoffnung, dass jeder – ungeachtet seiner Herkunft, Hautfarbe oder Religion gleiche Rechte und gleiche Chancen hat.

Hoffnung, dass diese Rechte in der Praxis auch anerkannt und ausgeführt werden.

Hoffnung, dass der Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus, der sich in vielen Ländern wieder manifestiert, nicht die Ausmaße annimmt wie in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Hoffnung, dass die Bekundungen von Fremdenhass künftig nicht mehr toleriert werden.

Hoffnung, dass wir zusammen in Frieden leben können, trotz der großen Unterschiede zwischen Kulturen und Völkern, und Hoffnung, dass wir einander wieder respektieren werden.

An dieser Stelle spreche ich auch die Hoffnung aus, dass die Regierungen der einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union Verantwortung übernehmen und mit der Umsetzung des von der Europäischen Kommission initiierten »EU-Rahmens für die nationale Strategie zur Integration der Roma« beginnen. Dieser Rahmen wurde von allen 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union unterzeichnet, die Umsetzung lässt jedoch noch viel zu wünschen übrig.

Schwerpunkte dieses Rahmens sind: Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohnung.

Meine Damen und herren, dieses Denkmal ist kein Schlußpunkt, sondern vielmehr der Ausgangspunkt für eine verstärkte Auseinandersetzung des Umgangs mit dem Holocaust an Sinti und Roma, für einen Umgang, die von der Verantwortung für unsere Menschen in Deutschland und Europa getragen wird. Wir Überlebende würden uns sehr wünschen, dass der Zentralrat der deutschen Sinti und Roma, als Initiator des Denkmals, baldmöglichst eine eigene Repräsentanz in Berlin erhält, um den Herausforderungen, vor denen wir jetzt stehen, noch wirkungsvoller begegnen zu können.

Meine Damen und Herren, ich hoffe, dass diese Gedenkstätte ein Ort des Nachdenkens, der Besinnung sein wird und das gegenseitige Verständnis fördert, damit wir miteinander in Frieden und Freundschaft leben können.

Durch den Mut eines Einzelnen habe ich als Kind überlebt, doch Abertausende andere Sinti- und Roma-Kinder konnten dem Vernichtungswillen der Nazis nicht entrinnen. Sogar aus Kinderheimen und Adoptivfamilien wurden sie in die Todeslager deportiert. Aus einem dieser Kinderheime ist ein einzigartig filmisches Zeugnis erhalten. Es sind Aufnahmen einer NS-Rassen-Forschungsstelle. Sie mißhandelten 40 dort untergebrachte Kinder für ihre Doktorarbeit. Die Eltern hatten sie schon vorher in Konzentrationslager verschleppt. Es sind die letzten Bilder der Kinder. Im Mai 1944 wurden sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert und fast alle in Gaskammern ermordet. Sehen Sie die bewegenden Originalaufnahmen in Gedenken an die unseligen namenlosen Kinder, die dem Völkermord zum Opfer fielen.

Danke.



 

 

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas

Datum: 24.10.2012
Ort: Berlin

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,
sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
sehr geehrter Herr Staatsminister,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten,
sehr geehrter Herr Karavan,

aber vor allen Dingen sehr geehrter Herr Weisz, als Erstes möchte ich mich an Sie wenden, stellvertretend für alle Überlebenden eines grauenhaften Völkermordes. Ich danke Ihnen für Ihre berührenden, uns alle, glaube ich, tief berührenden Worte, die Sie an uns gerichtet haben. Ich danke Ihnen einfach, dass Sie heute bei uns sind!

Sehr geehrter Herr Rose, ich möchte auch Ihnen danken, der Sie als Vertreter der nachgeborenen Generation und Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma so lange für das Denkmal gekämpft haben, das wir heute endlich einweihen können. Sie haben nicht nachgelassen, Sie haben durchgehalten. Danke!

Meine Damen und Herren, dieses Denkmal erinnert an eine Opfergruppe, die öffentlich viel zu lange viel zu wenig wahrgenommen wurde. Es erinnert an die vielen hunderttausend Sinti und Roma, an die im Nationalsozialismus als sogenannte Zigeuner Verfolgten, darunter auch die Jenischen, deren Leben die unmenschliche Rassenpolitik des nationalsozialistischen Terror-Regimes zerstörte. Dieses Denkmal mitten in Berlin erinnert an das unsägliche Unrecht, das ihnen allen widerfuhr.

Ebenfalls mitten in Berlin nahm die Katastrophe ihren Lauf, als der damalige Reichspräsident Paul von Hindenburg vor bald 80 Jahren einen neuen Reichskanzler ernannte. Der verhängnisvolle Tag, der 30. Januar 1933, ist auf Filmen und Fotos dokumentiert. Das, was auf den ersten Blick wie der Amtsantritt eines neu gewählten Regierungschefs in einem demokratisch verfassten Staat aussah, war in Wirklichkeit das Ende der Weimarer Republik und der Beginn einer grausamen Zeit irrsinnigen Rassenwahns und fanatischen Großmachtstrebens.

Schon vier Wochen später setzte die sogenannte Reichstagsbrandverordnung zentrale Grundrechte außer Kraft. Bald darauf folgte das Ermächtigungsgesetz. Zur gleichen Zeit wurde in Dachau das erste Konzentrationslager der SS errichtet. Politische Gegner wurden fortan verfolgt, Parteien und Gewerkschaften zerschlagen. Es begann die systematische Diffamierung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer Sexualität oder ihrer Art zu leben.

Es begann damit auch die Verfolgung der Sinti und Roma. Ihr Alltag veränderte sich radikal. Verbote schränkten das Leben zusehends ein. Die Grundlagen der eigenen Existenz – sie waren plötzlich dahin. Am Ende standen: gezielte Verfolgung, Zwangssterilisation, der Zivilisationsbruch des Holocaust, der Völkermord an den Sinti und Roma Europas. An ihn denken wir heute.

Jedes einzelne Schicksal dieses Völkermordes ist eine Geschichte unfassbaren Leids. Jedes einzelne Schicksal erfüllt uns, erfüllt mich mit Trauer und Scham. Jedes einzelne Schicksal mahnt uns. Denn jede Generation steht aufs Neue vor der Frage: Wie konnte es nur dazu kommen?

Die Antwort auf diese Frage wird immer unbefriedigend bleiben müssen, weil das, was damals in Deutschland geschah und von Deutschland ausging, letztlich unfassbar ist. Antworten auf das Warum zu suchen, das ist und bleibt dennoch Aufgabe kultureller, historischer, politischer Bildungsarbeit, und zwar deshalb, um uns für die Zukunft dazu zu befähigen, Gefahren frühzeitig zu erkennen und von vornherein Schlimmeres zu verhüten.

Ich möchte in diesem Zusammenhang Bundespräsident Roman Herzog zitieren, der am 27. April 1995 in Bergen-Belsen sagte: „Totalitarismus und Menschenverachtung bekämpft man nicht, wenn sie schon die Macht ergriffen haben. Man muss sie schon bekämpfen, wenn sie zum ersten Mal – und vielleicht noch ganz zaghaft – das Haupt erheben.“

Deshalb ist es so wichtig, genau hinzuschauen, sich rechtzeitig einzumischen und Verantwortung zu übernehmen. Dies ist im Übrigen nicht nur als Aufgabe von Bildungsträgern wichtig, so unverzichtbar diese auch sind, sondern es ist Aufgabe von uns allen, es ist die Aufgabe jedes Einzelnen von uns. Denn in der Gleichgültigkeit, in einem Klima des Geht-mich-nichts-an, keimt bereits die Menschenverachtung auf.

Menschlichkeit – das bedeutet Anteilnahme, die Fähigkeit und die Bereitschaft, auch mit den Augen des anderen zu sehen. Sie bedeutet hinzusehen und nicht wegzusehen, wenn die Würde des Menschen verletzt wird. Davon lebt jegliche Zivilisation, Kultur und Demokratie.

Das sollte, das muss uns die bleibende Mahnung aus unserer Geschichte sein, weil wir nur so eine gute Zukunft gestalten können. Das sind wir den Toten schuldig. Und das sind wir den Überlebenden schuldig. Denn im ehrenden Gedenken der Opfer liegt immer auch ein Versprechen. So verstehe ich auch unseren Auftrag zum Schutz von Minderheiten heute nicht nur im Blick auf die Schrecken der Vergangenheit, sondern als Auftrag für heute und für morgen. Was wir zu tun haben, darauf haben Sie uns hingewiesen.

Die Geschichte von Minderheiten, ihre Kulturen, ihre Sprachen – sie sind eine Bereicherung der Vielfalt Deutschlands. Diese Vielfalt macht unser Land lebenswert und liebenswert. Doch reden wir nicht drumherum: Sinti und Roma leiden auch heute oftmals unter Ausgrenzung, unter Ablehnung. Sie, lieber Herr Rose, werden nicht müde, wieder und wieder darauf hinzuweisen. Sinti und Roma müssen auch heute um ihre Rechte kämpfen. Deshalb ist es eine deutsche und eine europäische Aufgabe, sie dabei zu unterstützen, wo auch immer und innerhalb welcher Staatsgrenzen auch immer sie leben. Deshalb wirkt Deutschland auch im Rahmen der Europäischen Union und in den Beitrittsprozessen darauf hin, dass die Rechte der Sinti und Roma gewahrt werden.

So verstanden ist die vielfältige Gedenkkultur, die Deutschland pflegt, Erinnerung, die nicht rückwärtsgewandt ist. So verstanden trägt ein nationales Denkmal zum Nachdenken bei. Es hilft heutigen und kommenden Generationen, das Verantwortungsbewusstsein für ein gedeihliches Miteinander aller Menschen in Deutschland wachzuhalten. Erinnern ist also Teil unseres demokratischen Selbstverständnisses, um die Zukunft gestalten zu können.

Ohne Zweifel sprechen die Gedenkstätten an authentischen Orten eine besonders deutliche Sprache. Bilder einstiger Gefängniszellen, KZ-Baracken und Krematorien prägen sich uns allen tief ein. Ausstellungen erläutern ergänzend, was an diesen Orten geschah. Es gibt aber auch andere Formen des Erinnerns. So erinnert unweit von hier das Stelenfeld Peter Eisenmans an die ermordeten Juden Europas. Ebenfalls in Reichweite steht das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Noch im Entstehen ist ein Ort des Gedenkens an die Opfer der sogenannten Euthanasie-Morde.

Viele Menschen, die in Berlin leben oder die die Stadt besuchen, werden in Zukunft auch an dem von uns heute einzuweihenden neuen Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas vorbeikommen. Zum Reichstag, dem Sitz des Deutschen Bundestages, sind es nur wenige Meter. Auch das Brandenburger Tor, Wahrzeichen dieser einst geteilten und heute weltoffenen Stadt, steht in unmittelbarer Nähe. Mitten in Berlin, mitten in der pulsierenden Metropole, mitten unter uns gibt es diesen Ort des Gedenkens an die Toten.

Wir können die ermordeten Sinti und Roma damit nicht zurück ins Leben holen. Wir können Geschehenes nicht ungeschehen machen. Doch wir können das Gedenken, die Erinnerung, die Mahnung in unsere Mitte holen.

Wir tragen dieses Gedenken in unsere Mitte, damit niemand vergisst, was geschehen ist: die Entrechtung und Erniedrigung, die Gewalt und Deportation, der Missbrauch in pseudomedizinischen Versuchen, die Ermordung hunderttausender Sinti und Roma im von Deutschland besetzten Europa. Dieser Völkermord hat tiefe Spuren hinterlassen und noch tiefere Wunden.

Deshalb danke ich Ihnen, lieber Herr Weisz, und allen Überlebenden und ihren Angehörigen, dass Sie die Kraft gefunden haben, heute mit uns zusammen dieses Denkmal einzuweihen. Denn diejenigen, die Zeugen der Verbrechen waren, und diejenigen, die Angehörige und Freunde verloren haben – sie können nicht vergessen. Und wir alle, wir dürfen nicht vergessen.

Es ist deshalb in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen, dass wir nach langen Jahren und manchen Rückschlägen heute nun dieses nationale Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas einweihen können – ein Denkmal, das Gefühl und Verstand gleichermaßen anspricht, indem es uns auf eine dunkle Wasserfläche auf einer Granitplatte blicken lässt, einem See stummer Tränen gleich hält es uns einen Spiegel der unendlichen Tiefe der Trauer vor, in der Mitte jedoch immer eine frische Blume. Indem es auf Glastafeln die Leidensgeschichte der Sinti und Roma schildert, gibt es eine Chronologie des Grauens.

Dieser Ort lässt erahnen: Das Leid hat Gesichter, es hat viele einzelne, individuelle Gesichter. Jeder einzelne grausam beendete Lebensweg steht ganz für sich allein. Es war ein Leben. Es war das Leben eines Menschen. Wir sehen in diesem Denkmal diesen einen Menschen, dieses eine Leben.

Dies zum Ausdruck zu bringen – das ist Ihr Verdienst, lieber Herr Karavan, und ich danke Ihnen sehr dafür. Das von Ihnen gestaltete Denkmal trägt das Schicksal des einzelnen Menschen in unsere Mitte, damit es uns stets Mahnung sei. Möge es uns mahnen, dass wir immer und zuerst die Würde des einzelnen Menschen zu achten haben, ganz gleich, wie er lebt, ganz gleich, woher er kommt, und ganz gleich, wer er ist, und zwar im Sinne des Artikels 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Dieser erste Artikel unseres Grundgesetzes war und ist die Antwort auf die Jahre der unfassbaren Schrecken zuvor. Und er ist und bleibt die Richtschnur unseres Handelns heute und in Zukunft – und zwar in jedem einzelnen Falle.

Herzlichen Dank.

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Quelle: www.bundesregierung.de
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