Werkstattberichte

12. Mai 2012

Konferenz zum Umgang mit dem alten Messegelände in Belgrad

»Wenn nicht jetzt, wann denn?«

Vom 10. bis 12. Mai fand eine Internationale Konferenz unter dem Titel »If Not Now, When ...?« zur Zukunft des historischen Geländes statt, die die Heinrich-Böll-Stiftung in Belgrad zwei Jahre lang geplant und organisiert hatte. Die Teilnehmer kamen aus Belgrad und Serbien, aus Deutschland, Österreich und – wie Christopher Browning – aus den USA. Für die Stiftung Topographie des Terrors nahmen Dr. Thomas Lutz, für die Stiftung Denkmal ich teil. Predrag Markovicć, der Serbische Kulturminister, und Ruben Fuks, Präsident der Föderation Jüdischer Gemeinden Serbiens, eröffneten am Abend des 10. Mai die Veranstaltung im »Haus der Streitkräfte«, wo sich zwischen 1941 und 1944 das Gestapohauptquartier befunden hat. Neben der Geschichte des Lagers, seiner Opfer und Fragen der Erinnerungspolitik ging es vor allem um den künftigen Umgang mit Sajmište. Höhepunkt war ein Besuch am Ort der Ereignisse, an dem vor allem Künstler und Roma wohnen. Außer einem künstlerischen Zeichen am Ufer der Save aus dem Jahr 1995, weitab vom ehemaligen Lager und ohne Widmung, und einem Gedenkstein auf dem Gelände vom Anfang der 2000er Jahre, der keine der Opfergruppen benennt, erinnert nichts an die mörderischen Vorgänge während der deutschen Besatzung, die diesen Ort zum zentralen des Holocaust in Serbien machen. Es ist dringend an der Zeit, zunächst die Bausubstanz zu sichern, und in einem nächsten Schritt eine angemessene Ausstellung zu entwickeln sowie die Geschichte des Geländes etwa durch Hinweistafeln und Lagepläne sichtbar zu machen. Dies ist keine ausschließliche Aufgabe der Stadt Belgrad, vielmehr eine nationale der Republik Serbien, an deren umgehend notwendiger Umsetzung auch Deutschland seinen Anteil haben sollte.

Uwe Neumärker


Historischer Hintergrund
Wahrscheinlich am 9. Mai 1942 – vor 70 Jahren – verließ der letzte Gaswagen das »Judenlager Semlin« in Belgrad auf dem alten Messegelände (Staro Sajmište). Seit Anfang März des Jahres waren bis zu 7.500 jüdische Kinder, Frauen und Greise sowie einige Hundert Roma aus Belgrad und dem Umland von deutscher SS auf diese Weise ermordet worden; Tag für Tag, außer sonntags. Kurz darauf meldete der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Serbien, SS-Standartenführer Emanuel Schäfer, in einem Telegramm nach Berlin: »Serbien ist judenfrei!« Dann schickten die Verantwortlichen den eigens georderten Gaswagen zurück in die deutsche Hauptstadt. Anschließend wurde das Gelände als »Anhaltelager« genutzt, in dem Häftlinge aus anderen Lagern interniert und dann zur Zwangsarbeit nach Deutschland oder in deutsch besetzte Länder verschleppt wurden. Insgesamt liegt die Zahl der Opfer bis Sommer 1944 bei etwa 40.000.

Bild: Der Messeturm, Zentrum und Wahrzeichen des Geländes.

Bild: Der Messeturm, Zentrum und Wahrzeichen des Geländes.

Bild: Der Chor der Jüdischen Gemeinde Belgrad am Fuße des Messeturms.

Bild: Der Chor der Jüdischen Gemeinde Belgrad am Fuße des Messeturms.

Bild: Die Teilnehmer der Konferenz.

Bild: Die Teilnehmer der Konferenz.

Bild: Der Tschechoslowakische Pavillon, in dem die Habe der Ermordeten gestapelt wurde; heute ein Wohnhaus.

Bild: Der Tschechoslowakische Pavillon, in dem die Habe der Ermordeten gestapelt wurde; heute ein Wohnhaus.

Bild: Der sog. Spasic-Pavillon, später ein behelfsmäßiges Krankenhaus, in dem sich die Leichen stapelten; heute ein Fitnissraum.

Bild: Der sog. Spasic-Pavillon, später ein behelfsmäßiges Krankenhaus, in dem sich die Leichen stapelten; heute ein Fitnissraum.

Bild: Der Ungarische Pavillon, in dem Gefangene gehenkt, mit Eisenstangen oder Hämmern ermordet wurden.

Bild: Der Ungarische Pavillon, in dem Gefangene gehenkt, mit Eisenstangen oder Hämmern ermordet wurden.

Bild: Ein Gedenkstein im nirgendwo, früher Standort des Rumänischen Pavillons. In der Inschrift ist pauschal von »Opfern aus der Gegend« die Rede.

Bild: Ein Gedenkstein im nirgendwo, früher Standort des Rumänischen Pavillons. In der Inschrift ist pauschal von »Opfern aus der Gegend« die Rede.

Bild: Der Deutsche Pavillon, das größte Gebäude, ist heute ein Busreparaturbetrieb.

Bild: Der Deutsche Pavillon, das größte Gebäude, ist heute ein Busreparaturbetrieb.