Werkstattberichte

30. Juli 2013

Interview mit Charlotte Kroll

Die Berlinerin berichtet über ihre Haft in Ravensbrück

Ohne Angabe von Gründen wurde Charlotte Kroll 1942 verhaftet. Ein Jahr ihrer zweijährigen Haft verbrachte sie als politische Gefangene im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Erst nach ihrer Entlassung 1944 erfuhr sie durch Zufall den Grund: Sie hatte einer russischen Zwangsarbeiterin Babykleidung geschenkt.

Charlotte Kroll wurde 1922 im sächsischen Freital geboren. Ihre erste Tochter – Kind einer Kriegsehe – wurde 1940 geboren. Während die Großmutter sich um das Kleinkind kümmerte, arbeitete Charlotte Kroll in einer nahe gelegenen Munitionsfabrik und schenkte dort 1942 einer schwangeren russischen Zwangsarbeiterin gebrauchte Babykleidung. Kurz darauf wurde sie verhaftet und kam für ein Jahr ins Gefängnis nach Dresden. Im März 1943 wurde sie ins Konzentrationslager Ravensbrück überstellt, wo sie als politische Gefangene Zwangsarbeit bei der Firma Siemens leisten musste. Auch als sie nach einem Jahr entlassen wurde, kannte Charlotte Kroll immer noch nicht den Grund ihrer Haft. Erst als sie einige Zeit später durch Zufall eine ehemalige Polizeibeamtin traf, die ihr den Grund nannte, wurde ihr das eigene Schicksal bewusst: Für ihre Mitmenschlichkeit wurde sie mit zwei Jahren Haft bestraft. Das erlittene Unrecht war der Anlass für ihr späteres Engagement als Zeitzeugin, für das sie im Juni 2010 mit dem Brandenburger Verdienstorden ausgezeichnet wurde. Zum Zeitpunkt des Interviews war Charlotte Kroll neunzig Jahre alt.

Charlotte Kroll (01133/sdje/0030). Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 20. Juli 2012 (Berlin). Durchführung: Lennart Bohne, Daniel Baranowski und Kai Schulze. Transkription und Bearbeitung: Lennart Bohne.

Berlin, 20. Juli 2012