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20. Februar 2019

Trauer um Wolfgang Nossen

Die Mitarbeiter der Stiftung trauern um Wolfgang Nossen, der am 16. Februar 2019, kurz nach seinem 88. Geburtstag, verstorben ist. Nossen, der von 1995 bis 2012 Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen war, gab der Stiftung im April 2013 ein fast vierstündiges Interview im Rahmen des Projektes  Sprechen trotz allem, das einen Schwerpunkt auf die Lebenswelten und Verfolgungsschicksale deutschsprachiger Juden aus preußischen Ostprovinzen und Ostmittelmitteleuropa setzte.

Wolfgang Nossen wurde am 9. Februar 1931 in Breslau geboren. Die Eltern besaßen eine koschere Fleischerei, in der mehrere Familienmitglieder arbeiteten. Die von den Nationalsozialisten betriebene Schließung des Betriebes betraf deshalb die gesamte Familie, die Eltern, zahlreiche Onkel und die Großeltern verloren ihre Arbeit. Wolfgang Nossen erlebte den Terror am 10. November 1938 auf dem Schulweg, als er an zerstörten Geschäften vorbeikam und die Neue Synagoge brennen sah. Am selben Tag wurde sein Vater polizeilich vorgeladen und im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert, aus dem er erst im März 1939 wieder entlassen wurde.

Wegen einer unbedachten Prahlerei mit einer Waffenattrappe wurde Wolfgang Nossen 1939 von der Gestapo verhört und verprügelt. Um die Familie vor weiterer Verfolgung zu schützen, überzeugte ein evangelischer Pfarrer die Mutter, ihren 1929 vollzogenen Übertritt zur jüdischen Religion wieder rückgängig zu machen. 1943 musste die Familie innerhalb Breslaus in ein nur von Juden bewohntes Gebiet umziehen. Mit der Deportation des Vaters in das Konzentrationslager Kurzbach 1944 fiel Wolfgang Nossen als Haushaltsvorstand die Verantwortung für die Mutter und seine vier jüngeren Schwestern zu. Im gleichen Jahr verpflichtete ihn die Gestapo zu Zwangsarbeiten. Als die noch in der Stadt verbliebenen Juden im Februar 1945 in ein Barackenlager umziehen mussten und Gerüchte über ihre bevorstehende Ermordung kursierten, nutzte die Familie einen alliierten Fliegerangriff zur Flucht in den Untergrund. Unmittelbar nach der Befreiung der Stadt kehrte der Vater als Soldat am 11. Mai 1945 zur Familie zurück. Ihm war es gelungen, einem Todesmarsch zu entkommen und sich der Roten Armee anzuschließen.

Zusammen mit weiteren Überlebenden der Breslauer Jüdischen Gemeinde verließ die Familie Schlesien, das nun unter polnischer Verwaltungshoheit stand, und zog nach Erfurt. Eine schwere Erkrankung der Mutter zwang die Familie, für längere Zeit in Thüringen zu bleiben. Wolfgang Nossen besuchte wieder die Schule und begann eine Ausbildung bei der örtlichen BMW-Vertretung. In der Volkshochschule lernte er seine große Liebe Elisabeth kennen. 1948 ging er auf Hachschara (Vorbereitung zur Einwanderung nach Israel) in Bayern. Als Soldat nahm er von November 1948 bis Juli 1949 am Israelischen Unabhängigkeitskrieg teil.

Der ursprüngliche Plan, seine Freundin Elisabeth zu sich nach Israel zu holen, scheiterte an einem nicht zugestellten Brief, der Kontakt brach daraufhin ab. 1955 heiratete er zum ersten Mal, 1959 wurde der Sohn Rafael geboren. Im gleichen Jahr traf er sich in Berlin wieder mit Elisabeth, die inzwischen ebenfalls verheiratet war. 1977 ging Wolfgang Nossen endgültig nach Deutschland zurück. In Nürnberg, arbeitete er in der Gastronomie und als Leiter eines Altenheimes. Bei einem Besuch in Erfurt begegnete er im November 1989 seiner Jugendliebe Elisabeth wieder. Das Paar zog zusammen und Wolfgang Nossen trat 1991 eine Hausmeisterstelle bei der Jüdischen Gemeinde in Erfurt an.
Seine Arbeit in der jüdischen Gemeinde in Erfurt mündete 1995 in der Wahl zum Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringens. Dieses Amt bekleidete er bis 2012, außerdem stand er von 2006 bis 2008 dem Verein Mobit vor, der sich gezielt gegen Rechtsextremismus einsetzte. Wiederholt war Wolfgang Nossen in seiner Funktion als Mitarbeiter und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde antijüdischen Angriffen ausgesetzt. Am 20. April 2000 wurde die Erfurter Synagoge Ziel eines Brandanschlages von Rechtsextremisten. Neben der Tatsache, dass jüdisches Leben in Deutschland immer noch bedroht wurde, schmerzte ihn das mangelnde gesellschaftliche Eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Für sein gesellschaftliches und politisches Engagement zeichnete ihn die Ministerpräsidentin von Thüringen 2011 mit dem Verdienstorden des Landes aus.

Erfurt, April 2013: Wolfgang Nossen, Foto: Martin Hölzl

Breslau-Zimpel, Juni 1945: Der 22-jährige Wolfgang Nossen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Erfurt, April 2013: Wolfgang Nossen und Daniel Hübner (v.l.) vor Beginn des Interviews in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Erfurt. Foto: Martin Hölzl