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06. Juli 2018

Zum Tod von Ludwig Baumann

Die Geschäftsstelle der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas trauert um Ludwig Baumann, den langjährigen ehrenamtlichen Leiter der Bundesvereinigung NS-Militärjustiz, der am 5. Juli im Alter von 97 Jahren verstorben ist. Das Projekt der Wanderausstellung »›Was damals Recht war … ‹ Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht« verband uns über eineinhalb Jahrzehnte eng mit Ludwig Baumann.

Es ist wesentlich auf Ludwig Baumanns Engagement zurückzuführen, das sich 1990 eine Gruppe Verurteilter von Wehrmachtgerichten zusammenfand, um endlich für ihre Rehabilitierung zu kämpfen. Seine eigene Lebensgeschichte spiegelt den Schrecken des justiziellen Unrechtssystems wider. Der 1921 geborene Ludwig Baumann wuchs in Hamburg auf. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurde ihm das vernichtende Ausmaß des Krieges klar, und er beschloss, mit einem Kameraden zu desertieren. Sie wurden von deutschen Grenzposten aufgegriffen und in Bordeaux von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Auf Bemühen seines Vaters wurde Ludwig Baumann wenige Wochen später begnadigt, doch diese Nachricht ihm monatelang vorenthalten. Er kam in ein Strafbataillon, das an der Ostfront für besonders gefährliche Aufgaben eingesetzt wurde. Das Kriegsende erlebte er in einem Ort an der deutsch-tschechischen Grenze. Die Rückkehr in die deutsche Nachkriegsgesellschaft fiel ihm sehr schwer, da er weiterhin als »Feigling« geächtet wurde. Nach dem Tod seiner Ehefrau war er alleinerziehender Vater von sechs Kindern.

Ludwig Baumann war ein politischer Mensch. So setzte er sich mit der ungerechten Verteilung des Wohlstands auf der Welt auseinander und fasste sein Engagement für die Rehabilitierung der Verurteilten der Wehrmachtgerichte stets auch als Engagement für den Frieden auf. Nach der Rehabilierung der Deserteure durch den Deutschen Bundestag 2002 war es vor allem die Rehabilitierung derer, die von den Wehrmachtrichtern als »Kriegsverräter«, verurteilt worden waren, die ihn umtrieb. Dies waren beispielsweise Personen, die einen Ort kampflos dem »Feind« übergeben hatten. Erst 2009 hob der Bundestag auch die Urteile nach diesem Tatbestand pauschal auf. Auf den Eröffnungen der Wanderausstellung, die wir gemeinsam mit Ludwig Baumann gestalteten, verdichtete er seine Haltung mit den Worten: »Kriegsverrat ist Friedenstat!«

Als die Wanderausstellung 2017 zum zehnten Jubiläum wieder nach Berlin kam, sollte er eigentlich sprechen, doch seine Gesundheit ließ es nicht zu. Zur Eröffnung zeigten wir Ausschnitte aus einem Interview, das er dem Stiftungsprojekt »Sprechen trotz allem« 2011 gab. Über die eigene Geschichte zu sprechen zu beginnen, dieser Schritt fiel Ludwig Baumann lange schwer, doch durch sein Beispiel hat er nicht nur anderen Verurteilten Mut gemacht, aus dem Schatten der Scham herauszutreten, sondern auch dazu beigetragen, dass junge Menschen etwas über das wahnwitzige System der nationalsozialistischen Militärjustiz erfahren haben.

Bild: Videoeinspielung mit Ludwig Baumann bei der Eröffnung von »Was damals Recht war...« am 23. März 2017 in Berlin, Foto: Marko Priske