Werkstattberichte

06. November 2019

Vom schwierigen Erbe der Diktatur in Taiwan – Aufarbeitung und Perspektiven

Das deutsche Wort »Vergangenheitsbewältigung« hört man öfter in Taiwan. Dort herrschte nach der Ankunft Chang Kai-sheks 1949, der mit seiner nationalistischen Kuomintang-Regierung und etwa zwei Millionen Anhängern nach dem verlorenen Bürgerkrieg vom Festland auf die Insel floh, bis Ende der 1980er Jahre eine Militärdiktatur. Sie unterdrückte nicht nur die Sprache und die Kultur der Einheimischen, die Mandarin weder sprechen noch schreiben konnten, sondern auch jeglichen politischen Dissens in den eigenen Reihen. Tausende wurden erschossen, andere verschwanden für lange Jahre hinter Gefängnismauern.

Ende der 1980er Jahre begann der Demokratisierungsprozess und im Zuge dessen die Aufarbeitung der Diktatur und die Anerkennung des Leids der Opfer. Politisch bildete sich ein Zweiparteiensystem heraus, bei dem sich die beiden Parteien DPP und KMT – neben der unterschiedlichen Einstellung zur Frage einer möglichen Vereinigung mit China – vor allem durch die Art und Weise unterscheiden, wie sie zum Erbe der Diktatur stehen. Noch sind die Geheimdienstakten nicht veröffentlicht, noch steht man erst am Anfang einer möglichen Restitution von unrechtmäßig erworbenen Parteivermögen. Es ist vor diesem Hintergrund zu verstehen, dass sich Taiwan sehr für die konkreten Methoden interessiert, mit denen Deutschland das Erbe seiner beiden Diktaturen aufzuarbeiten versucht.

Letzte Woche war Adam Kerpel-Fronius, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Denkmal, als Mitglied einer deutschen Delegation in Taipeh, um sich im Rahmen einer Konferenz auf Einladung des National Human Rights Museum mit Kollegen aus Taiwan über die Erfahrungen im Umgang mit Geschichte auszutauschen. Die weiteren Gäste aus Deutschland waren Katrin Budde, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag, Dr. Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Niels Schwiderski, Referent des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR (BStU), und Dr. Manfred Wichmann, Kurator bei der Stiftung Berliner Mauer.

Auf der zweitägigen Konferenz hatten die deutschen Gäste Gelegenheit, verschiedene Aspekte ihrer Arbeit vorzustellen. Adam Kerpel-Fronius sprach über die bewegte Vorgeschichte des Berliner Holocaustmahnmals, betonte die Notwendigkeit von lebendigen und kontroversen öffentlichen Diskussionen und sprach über die Herausforderungen für Gedenkstätten und Geschichtsvermittler in einem immer komplexer werdenden sozialen und medialen Umfeld.

Zwischendurch hatten die Gäste aus Deutschland Zeit, sich ausführlich mit wichtigen Institutionen und Museen von Taiwan vertraut zu machen. Es ergab sich ein buntes, manchmal durchaus widersprüchliches Bild: Auf der einen Seite steht noch unverändert die monumentale Gedenkhalle für den 1975 verstorbenen Chang Kai-shek, anderseits erinnern bereits viele Museen, Gedenkstätten und Denkmäler an die Opfer der Repressionen. Auch treten bisher eher unterbeleuchtete Themen in den Vordergrund: So eröffnete vor zwei Jahren das kleine AMA-Museum, das an das Schicksal der mehreren Tausend jungen Frauen erinnert, die im Zweiten Weltkrieg verschleppt wurden, um Soldaten der japanischen Armee als Zwangsprostituierte zu dienen.

Taiwan befindet sich im Umbruch, Anfang nächsten Jahres stehen wichtige Wahlen an. Dennoch spricht unabhängig von deren Ausgang alles dafür, dass die Aufarbeitung der Diktatur konsequent weitergehen wird und sich die deutsch-taiwanesischen Beziehungen auf diesem Gebiet noch weiter vertiefen werden.

Bild: Taipeh, 2019, Ehemaliges Untersuchungsgefängnis, heute Gedenkstätte, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Taipeh, 2019, Führung in der Gedenkstätte durch einen ehemaligen Häftling, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Taipeh, 2019, Führung im AMA-Museum, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Taipeh, 2019, Porträts ehemaliger »Trostfrauen« im AMA-Museum, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Taipeh, 2019, Dr. Chen Chun-hung, Direktor des Nationalen Menschenrechtsmuseums während der Konferenz, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Taipeh, 2019, Empfang durch die Kulturministerin Taiwans Cheng Li-chun, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Taipeh, 2019, Außenansicht der Chang Kai-shek-Gedenkhalle, Foto: Stiftung Denkmal