Veranstaltungsberichte

18. Januar 2019

»Nie geht es nur um Vergangenheit« – Buchvorstellung und Lesung

Heute gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg mit- und überlebt haben. Schon bald werden wir nur noch Berichte aus zweiter Hand hören können. Im Buch »Nie geht es nur um Vergangenheit« erzählen ehemalige Flüchtlinge, deren Heimat in der Zwischenzeit das Dreiländereck – Deutschland, Frankreich und die Schweiz – geworden ist oder deren Fluchtweg diese Gegend gekreuzt hat, von ihrem Schicksal, von Feigheit und Denunziation, aber auch von Mut und Hilfsbereitschaft. Unter den Autoren befinden sich nicht nur Überlebende des Holocaust und deren Kinder, sondern auch Nachkommen von Tätern, die unter den Verbrechen ihrer Vorfahren leiden.

Zur Buchvorstellung am 17. Januar 2019 im Ort der Information kamen über 50 Zuhörer. Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal, übergab nach einer kurzen Begrüßung an Prof. Dr. Wolfgang Benz, Sprecher des Beirats der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Mitherausgeber des Buches. Prof. Wolfgang Benz stellte seine Mitherausgeber Johannes Czwalina und Dan Shambicco ausführlich vor. Einführend sprach er über die Schwierigkeiten – Verfolgung, Vertreibung und Flucht – , dem Nationalsozialismus zu entkommen. Er zeigte die zeitlichen Entwicklungen von Flucht und Vertreibung der Juden aus Deutschland auf und kennzeichnete die Gegebenheiten im Dreiland.

Johannes Czwalina und Dan Shambicco berichteten von ihrer Arbeit, ihrer Intention, über die Entstehung der Gedenkstätte Riehen und stellten zwei Fluchtschicksale aus dem Buch vor. So las Johannes Czwalina aus einem Gespräch mit Cioma Schönhaus vor. Das Gespräch hatte er selbst im Februar 2010 mit ihm geführt. Die Geschichte von Cioma Schönhaus, geboren 1922 in Berlin, ist im Buch mit dem Titel »Der Passfälscher« überschrieben. Cioma Schönhaus berichtet im Gespräch, wenige Jahre vor seinem Tod, von seiner Tätigkeit als Passfälscher im Untergrund und seiner Flucht in die Schweiz.

Dan Shambicco erzählte die Geschichte von Familie Steffen. Er berichtete von seinem Gespräch mit Susann Müller Steffen. Susann ist die Tochter von Ludwig Steffen, der Teil einer Gruppe von Fluchthelfern war, die Verfolgte des NS-Regimes über diverse Fluchtwege in die sichere Schweiz brachte. Ludwig Steffen versteckte und versorgte, gemeinsam mit seiner Frau Berta, nach 1938 Flüchtlinge in ihrem gemeinsamen Haus, dem Leonardschulhaus in Basel. Die Tochter Susann Müller Steffen hatte Dan Shambicco vom selbstlosen Einsatz ihrer Eltern erzählt und unzählige Einzelschicksale von Flüchtlingen, die ihre Eltern aufgenommen hatten, beschrieben. Eine Geschichte, so berichtet sie, hat sie bis heute geprägt. Es ist das Schicksal von Hermann Klohse, der an einem Morgen 1938 mit seiner Tochter hungrig und ärmlich bekleidet die Jugendherberge der Familie Steffen betrat. Er war aus Berlin geflüchtet, bereits fünf Jahre mit seiner Tochter auf der Flucht und auf der Suche nach seiner Frau. Ohne seine Tochter machte er sich später auf den Weg, seine Frau zu finden. Er fand sie in Prag, musste aber weiter flüchten. Seine Flucht endet 1943 in einem Berliner Gefängnis, er wurde durch das Handbeil hingerichtet. Die Tochter wurde Wochen später an eine Schweizer Familie vermittelt und mit viel Liebe aufgezogen. Sie kam die Familie Steffen nach Kriegsende zweimal besuchen und erzählte davon, dass sie ihre Mutter wiedertraf und wie sie vom schrecklichen Schicksal ihres Vaters erfuhr.

Buch:
»Nie geht es nur um Vergangenheit: Schicksale und Begegnungen im Dreiland 1933-1945«
Herausgeber: Wolfgang Benz, Johannes Czwalina, Dan Shambicco
2018, Dittrich Verlag

Bild: Dan Shambicco, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Uwe Neumärker, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Wolfgang Benz, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Johannes Czwalina, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Dan Shambicco, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Einladungskarte zur Veranstaltung

Bild: Einladungskarte zur Veranstaltung, Rückseite