Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas trauert um den Holocaust-Überlebenden Michail Vanshelboim. Er ist am 9. Juli 2026 im Alter von 98 Jahren verstorben. Unser tiefes Mitgefühl gilt allen Menschen, die ihm nahestanden.
Mit Michail Vanshelboim verliert die Erinnerungsarbeit einen wichtigen Zeitzeugen und einen beeindruckenden Menschen. Sein Leben war geprägt von unermesslichem Verlust, zugleich aber auch von außergewöhnlicher innerer Stärke und tiefer Menschlichkeit, die alle berührte, die ihm begegneten.

Michail Vanshelboim wurde am 10. März 1928 im sowjetischen Berdytschiw geboren. Er wuchs in einer liebevollen Familie auf. Besonders eindrücklich erinnerte er sich an die gemeinsamen Abende im Garten, wenn sein Vater Mandoline spielte, die Schwestern sangen und die Nachbarn zusammenkamen. Die jüdische Welt seiner Kindheit wurde mit dem deutschen Überfall und der Besatzung der Stadt brutal zerstört.
Als Dreizehnjähriger entkam Michail Vanshelboim der Ermordung mehrfach nur um Haaresbreite. Seine Mutter versteckte ihn im letzten Moment, bevor sie gemeinsam mit seinen Geschwistern ermordet wurde. Wenige Wochen später gelang ihm auch bei einer weiteren Massenerschießung die Flucht, bei der sein Vater ermordet wurde. Ein drittes Mal entkam er der Verhaftung durch ukrainische Hilfspolizisten. Bis zum Ende der deutschen Besatzung versteckte ihn eine ukrainische Familie unter Lebensgefahr. Ihr blieb er zeitlebens in tiefer Dankbarkeit verbunden.
Wer Michail Vanshelboim begegnete, traf auf einen bescheidenen, warmherzigen und offenen Menschen. In Berdytschiw wurde er von vielen liebevoll »Onkel Mischa« genannt. Oft war er auf dem jüdischen Friedhof am Grab des Zaddiks Levi Jizchak von Berdytschiw anzutreffen; ein Ort, der ihm viel bedeutete.
Michail Vanshelboim verstand sein Überleben als Auftrag: »Ich musste bleiben, um zu berichten«, sagte er über die Zeit, in der er als einziger seiner unmittelbaren Familie überlebte. Diesem Auftrag blieb er sein Leben lang treu: Über viele Jahre hinweg sprach er über seine Erfahrungen, über die Ermordung seiner Familie und über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung Berdytschiws. Jeden September nahm er an der Gedenkzeremonie für die mehr als 20.000 ermordeten jüdischen Frauen, Männer und Kinder der Stadt teil. Es schmerzt, dass Michail Vanshelboim am Ende seines langen Lebens erneut erleben musste, wie Russlands Krieg über seine Heimat kam.
Mit Michail Vanshelboim verlieren wir einen Menschen von beeindruckender innerer Kraft und einen unermüdlichen Zeitzeugen. Sein Vermächtnis bleibt die Erinnerung an die Menschen, die ermordet wurden, und die Mahnung, jeder Form von Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit entgegenzutreten. Wir werden Michail Vanshelboim in dankbarer und ehrender Erinnerung behalten.








