Am 1. Oktober 2026, luden das Jüdische Museum Berlin und die Stiftung Denkmal zu einem Abend der besonderen Art in die W. Michael Blumenthal Akademie ein.
Hetty Berg, Direktorin des Jüdisches Museums Berlin, und Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal, begrüßten die beinahe 200 Gäste.
Daraufhin folgte ein Gespräch zwischen Andreas Nachama und Hermann Simon, moderiert von Shelly Kupferberg, indem sich beide an ihre Kindheit und Jugend im erst geteilten und später wieder vereinigten Berlin erinnerten.
So erzählte Hermann Simon, dass er in seiner Schulzeit regelmäßig für hohe jüdische Feiertage vom Unterricht entschuldigt worden war, wofür ihn seine Mitschüler/-innen stets beneideten: »Und da dachte ich immer: Na wenn ihr wüsstet… wie langweilig das manchmal war… Jom Kippur von früh bis abends…« Und Andreas Nachama berichtete, dass seine Mutter stets darauf bestand, den Großen Stern weit zu umfahren, weil Hitler die Siegessäule anlässlich seines 50. Geburtstages vom Reichstag dorthin hatte versetzen lassen. »Aber meine Mutter wäre und wollte auf keinen Fall aus Deutschland weg. … ›Dann erfülle ich ja nachträglich den Auftrag der Nazis und mache Berlin judenrein.‹«
Im Gesprächsverlauf ging es auch um die jüdischen Gemeinden in Ost- und West-Berlin.
Hermann Simon: »Die kleine, 200 Personen zählende Jüdische Gemeinde in Ost-Berlin wäre ohne Andreas Nachamas Vater Estrongo Nachama gar nicht vorstellbar gewesen … Nach dem Bau der Mauer hielt Estrongo den Kontakt zwischen Ost und West aufrecht, ohne seine Bemühungen gäbe es die Synagoge in der Oranienburger-Straße nicht…«
Andreas Nachama: »Ja, so erinnere ich mich auch. Und auch Rabbiner Stein hat viel zur Verständigung zwischen den beiden Gemeinden in Ost und West beigetragen.« […] »Zu viel Kontakt war aber auch gemeindepolitisch in Westberlin gar nicht gewollt…«
Abschließend kam Shelly Kupferberg auf die Wiedervereinigung zu sprechen und Hermann Simon berichtete von dem mulmigen Gefühl und der Sorge vieler Menschen, vor allem auch von Juden, vor einem neuen erstarkten Deutschland, nach der Wiedervereinigung. Beide sprachen über das Zusammenwachsen der beiden Gemeinden in Ost und West.
Andreas Nachama: »Dieses Zusammenwachsen wurde ein bisschen überlagert von der Integration der vielen jüdischen Kontingentflüchtlinge aus dem Osten … die haben zahlenmäßig einfach auch die 200/300 Gemeindemitglieder aus dem Osten überdeckt … Das war eine schwierige Zeit.« Und Hermann Simon ergänzte: »Schwierig, aber notwendig, dass sich die beiden Gemeinden vereinigten …«
Shelly Kupferberg: »Und heute – was bedeutet euch das Ganze noch heute?«
Hermann Simon: »Na Auftrag, Pflicht und Verantwortung – von allem etwas!«
Andreas Nachama: »Ich denke, den Staffelstab weiterzureichen – mein Sohn ist ja auch Rabbiner – da muss ich das alles nicht alleine machen …«
Hintergrund:
Hermann Simon (*1949) stammt aus Ost-Berlin und war Gründungsdirektor der Stiftung »Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum«. Andreas Nachama (*1951) stammt aus West-Berlin und war langjähriger Direktor der Stiftung Topographie des Terrors. Beider Mütter überlebten die NS-Diktatur in Verstecken in Berlin. Simons Vater emigrierte nach Kriegsbeginn in das Mandatsgebiet Palästina und kehrte als britischer Soldat zurück. Nachamas Adoptivvater war der Berliner Oberkantor Estrongo Nachama. Simon und Nachama sind in den kleinen jüdischen Gemeinden Ost- und West-Berlins großgeworden, haben diese mitgeprägt und sich 1983 kennengelernt. Sie sind einmalige Zeitzeugen des jüdischen Lebens in der geteilten wie auch der wiedervereinigten Stadt Berlin – bis heute.
















