Wenige Tage vor seinem heutigen 93. Geburtstag verstarb Mano Höllenreiner in seiner Heimatstadt Mühldorf am Inn. Ein schmerzhafter Verlust: Wir verlieren mit ihm einen wichtigen Zeitzeugen des nationalsozialistischen Völkermords an den Sinti und Roma Europas – als Kind überlebte Mano Höllenreiner das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau – und einen außergewöhnlichen Menschen.
Hermann Höllenreiner, den alle »Mano« nannten, kam 1933 als erstes Kind seiner Eltern in einer alteingesessenen Familie bayrischer Sinti zur Welt. Schon in den ersten Lebensjahren hatte die rassistische Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten unmittelbare Auswirkungen auf sein und das Leben seiner Familie. Der Vater Johann Baptist Höllenreiner war Fuhrunternehmer und Pferdehändler. Die Nationalsozialisten untersagten ihm die Ausübung seines Berufes und beschlagnahmten die Pferde. Zunächst zur Wehrmacht eingezogen, wurde er 1942 ausgeschlossen, weil er ein Sinto war. Fortan musste er in München im Straßenbau Zwangsarbeit leisten.
Im März 1943 riss die Gestapo die Familie zuhause aus dem Schlaf. Mano war neun Jahre alt. Es folgte die Deportation nach Auschwitz-Birkenau, eine achttägige Fahrt unter schlimmsten Bedingungen. In Auschwitz wurden die Höllenreiners mit Tausenden anderen in einem abgetrennten Bereich für Sinti und Roma untergebracht. Hunger, Krankheit, Gewalt und der Terror der SS prägten den Alltag. Wie an zahlreichen weiteren Kindern führte der Lagerarzt Josef Mengele lebensgefährliche medizinische Versuche an ihm durch. Höllenreiner bezeichnete Mengele später als »Teufel von einem Menschen«. Die ihm zugefügte Gewalt ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los. Er erinnerte sich allerdings auch, wie sein Vater und seine Onkel, alle aus der Wehrmacht entlassene Soldaten, sich in Birkenau an einem tätlichen Widerstand gegen die SS beteiligten, zunächst mit Erfolg. Aus dieser mutigen Tat seiner Verwandten schöpfte er im Nachhinein etwas wie Stolz und Genugtuung. Am 2. August 1944 räumte die SS das Lager und ermordete die 4.300 dort verbliebenen Sinti und Roma durch Gas. Mano Höllenreiner und seine engsten Familienmitglieder waren zu diesem Zeitpunkt bereits in andere Konzentrationslager verschleppt worden.
Ihn brachte die SS in das Konzentrationslager Sachsenhausen im brandenburgischen Oranienburg, Die Zeit dort erlebte er als schlimmste seiner gesamten Haft. Im Unterschied zu Auschwitz, wo er wenigstens noch die Eltern bei sich hatte, war der Elfjährige nun vollkommen allein. Von Sachsenhausen zwangen ihn die Bewacher mit anderen Häftlingen auf einen Todesmarsch, von dem er völlig entkräftet und krank befreit wurde. Französische Häftlinge nahmen den Jungen, der niemanden mehr hatte, mit nach Paris. Dort lebte er zunächst in einer Heilanstalt und später bei Pflegeeltern. Man hatte ihm eingeschärft, niemandem zu sagen, wer er sei und auf keinen Fall Deutsch zu sprechen: Wenn er als Deutscher erkannt würde, bekäme er immense Probleme. Schwer traumatisiert vergaß Mano Höllenreiner seinen Namen und seine Herkunft, er begann Französisch zu sprechen. Erst nach etwa anderthalb Jahren gelang es seinen Eltern, die zusammen mit Manos kleiner Schwester Lili ebenfalls überlebt hatten, ihn wiederzufinden. Der entscheidende Hinweis war die Häftlingsnummer Z-3526, die man ihm in Auschwitz auf den Arm tätowiert hatte.
Über 100 Menschen aus Mano Höllenreiners weit verzweigter Familie kehrten nicht heim. Sie hatten die Nationalsozialisten ermordet.
Nach dem Krieg sprach Mano Höllenreiner lange Zeit nicht darüber, was ihm widerfahren war. Er wollte leben, möglichst nicht nach hinten schauen, das Leben mit beiden Händen greifen. Obwohl die Diskriminierung gegenüber Sinti und Roma nach 1945 keineswegs endete, gelang ihm das. Er heiratete Else, mit der er 70 Jahre lang verheiratet war, wurde Vater und war auch beruflich überaus erfolgreich.
Es dauerte Jahrzehnte, bis ins Jahr 2004, bis er begann, öffentlich über seine Geschichte zu sprechen. 2013 erhielt Mano Höllenreiner das Bundesverdienstkreuz, im Januar 2020 begleitete er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei dessen Besuch in Auschwitz. Die Autorin Anja Tuckermann veröffentlichte seine Lebensgeschichte in dem Jugendbuch »Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war«, das Höllenreiner auch über Bayern hinaus bekannt machte. In der Folge nahm er unzählige Termine – u.a. auch in Schulen – wahr. In drastischen Worten und mit dem ungläubigen Entsetzen des damals Neun- Zehn-, Elfjährigen berichtete er über Auschwitz und Sachsenhausen.
Darüber hinaus wandte er sich gegen jede Form des Rassismus, warnte vor dem wachsenden Erfolg neurechter Kräfte und appellierte an die Verantwortung der Institutionen und jedes Einzelnen, die Erinnerung an die Verbrechen an den Sinti und Roma wachzuhalten. Er verbog sich nie, wenn er öffentlich auftrat, sagte, was er für sagenswert hielt, dabei kannte er keine Kompromisse und keine falschen Rücksichten, ungeschminkt, in seinem unvergleichlichen Bayrisch. Und so schwer, so lastend diese, seine Biografie war, bewahrte er sich doch stets etwas jungenhaft Verschmitztes, einen einzigartigen Humor und eine große Neugier und Wärme für die Menschen, denen er begegnete.
Mano Höllenreiner starb nach langer Krankheit, bis zuletzt liebevoll gepflegt von seiner Tochter Carol und seiner Ehefrau Else, die 70 Jahre lang an seiner Seite war. Unsere Gedanken sind bei ihnen.
Danke, lieber Mano!
Danke, dass wir Dich kennenlernen durften,
Danke, dass Du Deine Geschichte geteilt hast, obwohl das immer wieder von Neuem schmerzvoll und aufreibend war, danke für Deine Kraft, lieber Mano.
Danke für die Stunden, die Du uns geschenkt hast, wie viel wir trotz allem zusammen gelacht haben …
Wir werden Dich vermissen, die Lücke, die Du hinterlässt, ist groß.



















