Am 6. Oktober luden die Stiftung Denkmal, die Hildegard Lagrenne Stiftung, die Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn und RomaTrial e.V. zu einem Zeitzeugengespräch mit Christian Pfeil in den Ort der Information ein.
Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, begrüßte die Gäste. Anschließend sprachen der Zeitzeuge Christian Pfeil und sein Neffe, Sacha Höhn, mit Jana Mechelhoff-Herezi, Leitung Erinnerung an Sinti und Roma, miteinander.
Die Familie Pfeil stammt aus Trier. 1940 verschleppten die Nationalsozialisten sie aus ihrer Heimatstadt in das besetzte Polen. »Ich war damals noch nicht geboren. Man weiß nicht so genau, wann ich, im Ghetto in Lublin, geboren wurde – heute denken wir, am 14. Januar 1944 – früher hat mich das immer geärgert, weil ich nicht genau wusste, wann ich Geburtstag habe.«
Die Eltern und Geschwister mussten in Konzentrationslagern Zwangsarbeit leisten. »Meine Mutter hat mich da wohl in ein Tuch neben sich gelegt, während sie Zwangsarbeit leisten musste. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, dass man als Kind diese Zeit überlebt hat. Heute würde ein Kind dort keinen Tag überleben. Das wäre sofort tot.«
Nach ihrer Befreiung 1945 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Doch auch in seiner späteren Kindheit erlebte Christian Pfeil Ausgrenzung und Anfeindungen. »Christian, unsere Sprache ist deutsch, das ist unsere Heimat«, antwortet sein Vater auf die Frage des Sohnes, warum die Familie nach dem Krieg unbedingt zurück nach Deutschland gehen musste, wo sie doch dort keiner haben wollte. »Mit sechs, sieben Jahren habe ich schon realisiert, dass wir anders sind …« Er berichtete von der Zeit in Trier, von der fortdauernden Diskriminierung seiner Familie, die von den Nachbarn ausgrenzt wurde (»die wollten, dass wir unser Haus aufgeben und den Stadtteil verlassen, die wollten einfach keine Sinti da haben …«).
Mit 26 Jahren eröffnete er in Trier ein Lokal, trat erfolgreich als Musiker auf, erlangte lokale Berühmtheit. In den 1990er Jahren bedrohten ihn Rechtsextreme aufgrund seines antifaschistischen Engagements, und zerstörten sein Lokal. Als er sich beim damaligen Bürgermeister darüber beschweren und das Ganze zur Anzeige bringen wollte, antwortete der: »Aber Herr Pfeil, wir haben doch überhaupt keine Rechtsradikalen in Trier …« An dieser Stelle schüttelt Christian Pfeil gedankenverloren den Kopf. »Was will man mit so einem Menschen noch diskutieren?! … Das war alles eine schlimme Zeit, … aber ich hab’s überlebt.«
2015 begann er, die Geschichte seiner Familie aufzuarbeiten und öffentlich zu sprechen, unter anderem vor dem Europäischen Parlament und den Vereinten Nationen. »Und heute bin ich Zeitzeuge! Ich spreche gern mit Menschen über diese Zeit. Vor allem mit jungen Menschen. Jugend ist für mich unheimlich wichtig … dass sie aufgeklärt wird. Viele wissen gar nicht, dass auch 500.000 Sinti und Roma im Nationalsozialismus ermordet worden. Ja … man muss da viel mehr aufklären!«
















