Am 17. September 1939 marschierte die Rote Armee in die östlichen Gebiete der Zweiten Polnischen Republik ein. Der Einmarsch erfolgte wenige Wochen nach dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939. Dem war der Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags vom 23. August 1939 vorausgegangen. In einem geheimen Zusatzprotokoll vereinbarten das Deutsche Reich und die Sowjetunion die Aufteilung Ostmitteleuropas in Einflusszonen. Die Sowjetunion begann mit der zwangsweisen Umstrukturierung der Gesellschaft in ihrem Herrschaftsgebiet, bei der Hunderttausende Menschen verschleppt wurden.
Aus diesem Anlass veranstaltete das Museum Karlshorst und das Deutsch-Polnische Haus eine Podiumsdiskussion am 17. September 2026 im Museum Karlshorst. Markus Nesselrodt (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)), Daria Reznyk (Leibzig-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GZWO), Leipzig und NGO After Silence, Lviv) und Małgorzata Ruchniewicz (Universität Wrocław) diskutierten über sowjetische Deportationen aus polnischen Gebieten unter der Moderation von Agnieszka Wierzcholska (Sciences Po Centre for History, Paris).
Einführend stellte Małgorzata Ruchniewicz die Grundlagen des Vorgehens der Sowjets in den besetzten polnischen Gebieten vor. Das NKWD verschleppte die polnische Bevölkerung in abgelegene Gebiete der Sowjetunion. Dort mussten die Deportierten häufig Zwangsarbeit leisten. Markus Nesselrodt berichtete über die Zwangsumsiedlung der jüdischen Bevölkerung, bevor Daria Reznyk auf die Geschichte der Deportation von Ukrainern einging.
Die Moderatorin Agnieszka Wierzcholska warf die Frage des »methodologischen Nationalismus« auf. Sie fragte die Podiumsgäste, ob eine solche ethnische Trennung der Perspektiven sinnvoll sei. Daraufhin entstand eine Diskussion, ob die langjährige sozialistische Herrschaft eine umfassende Erforschung der Erfahrungen dieser verschiedenen Gruppen erschwert beziehungsweise lange Zeit unmöglich gemacht habe. Zunächst müsse eine ausreichende Wissensgrundlage geschaffen werden, bevor komparative Studien durchgeführt werden könnten.
Zudem spiele die Frage der Ressourcen eine wichtige Rolle. Wenn man die Erfahrungen aller deportierten Gruppen umfassend untersuchen möchte, muss man zahlreiche Sprachen beherrschen beziehungsweise entsprechende finanzielle und wissenschaftliche Ressourcen zur Verfügung haben. Eine wichtige Methode in dieser Forschung nehme Oral History ein. Die Historiker berichteten von ihren Begegnungen mit Zeitzeugen, die für sie als junge Menschen besonders berührend waren.
Abschließend gab es anregende Gespräche bei Brezeln und Getränken.


Ein Beitrag von der
Stabsstelle Deutsch-Polnisches Haus







