Werkstattberichte

11. März 2014

Vier weitere Interviews im Videoarchiv zugänglich

Simcha Malin (Lodz), Tova Aran (Krakau), Moniek Baumzecer (Radom) und Natan Grossmann (Lodz)

Seine Kindheit verbrachte Simcha Malin in Palästina und Polen. In Lodz erlebte er die deutsche Besatzung und musste im Ghetto Zwangsarbeit leisten. Zusammen mit seinem Bruder überlebte er die Haft in Auschwitz. Nach der Befreiung ging er nach Israel und lehrte Hebräisch für Einwanderer.

Simcha Malin wurde 1924 in eine angesehene jüdische Familie in Lodz geboren, seine Mutter arbeitete als Näherin, der Vater als Textilkaufmann. Im gleichen Jahr wanderte die Familie nach Palästina aus, musste aber 1929 wegen wirtschaftlicher Sorgen wieder nach Polen zurückkehren. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges und Errichtung eines Ghettos bestimmten fortan Zwangsarbeit, Hunger und Krankheiten den Alltag der Juden in Lodz. Im August 1944 wurde Simcha Malin mit seiner Mutter und zwei Geschwistern nach Auschwitz-Birkenau deportiert, die Mutter wurde noch am gleichen Tag ermordet. Zusammen mit seinem Bruder gelang es ihm, zu einem Arbeitseinsatz in der Nähe von Dachau eingesetzt zu werden und so den Holocaust zu überleben. Nach der Befreiung endete ein Versuch, illegal nach Palästina einzuwandern, mit einer zweijährigen Internierung in einem britischen Lager auf Zypern. 1949 erreichte er endlich Israel und arbeitete zunächst in einem Kibbuz, wo er seine Ehefrau Ruth kennenlernte. Das Paar zog nach Tel Aviv und Simcha Malin studierte in Jerusalem Hebräisch, um später selbst die Sprache zu unterrichten. Zum Zeitpunkt des Interviews war er 89 Jahre alt.

Simcha Malin (01180/sdje/0072). Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 25. November 2013 (Tel Aviv). Durchführung: Martin Hölzl, Daniel Baranowski und Lennart Bohne. Transkription: Ruth Preusse. Bearbeitung: Martin Hölzl.

 

Tova Aran war fünf Jahre alt, als ihre Familie vor der Wehrmacht im September 1939 aus Krakau flüchten musste. Die russischen Besatzer Ostpolens verschickten die Familie zunächst zur Zwangsarbeit nach Sibirien und später ins usbekische Buchara, wo sie bis 1946 bleiben musste.

Nach ihrer Flucht wurde die Familie zunächst nach Lemberg und schon einige Wochen später ins sibirische Assino verschickt. Die entwürdigenden Verhältnisse auf der zweimonatigen Fahrt in Viehwaggons behielt Tova Aran während ihres ganzen Lebens in Erinnerung. In Sibirien mussten sie in Holzbaracken hausen, und die Männer leisteten Zwangsarbeit in den Wäldern. Nach dem Bruch des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes im Juni 1941 wurden sie ins usbekische Buchara verbracht, wo sie bei einer sowjetisch-jüdischen Offiziersfamilie untergebracht wurden. Während der Vater sich weigerte, die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen und illegal im Versteck leben musste, konnte die Mutter als Lehrerin arbeiten und die Familie ernähren. Auch wenn sie sich innerhalb der Stadt frei bewegen konnten, so wurde es ihnen erst ein Jahr nach Kriegsende erlaubt, nach Krakau zurückzukehren. Von dort wanderten sie über Paris nach Palästina aus. 1949 lernte Tova Aran ihren Ehemann Alfred kennen, mit dem sie in Tel Aviv lebte und eine Familie gründete. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie 79 Jahre alt.

Tova Aran (01179/sdje/0071). Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 22. November 2013 (Tel Aviv). Durchführung: Lennart Bohne, Christoph Schönborn und Daniel Hübner. Transkription: Ruth Preusse. Bearbeitung: Lennart Bohne.

 

Moniek Baumzecer war ein begeisterter Sportler und wurde 1938 polnischer Jugendmeister im Boxen. Seine körperliche Stärke sollte ihm wenig später helfen, eine mehr als fünf Jahre währende Verfolgungszeit zu überleben, die er in zahlreichen Zwangsarbeits- und Konzentrationslagern durchstand.

1919 im polnischen Radom als Sohn eines Tuchhändlers geboren, wuchs er in einem traditionellen jüdischen Elternhaus auf. Kurz nach der deutschen Besatzung von Lodz, wo die Familie seit 1930 wohnte, musste die Familie im Februar 1940 in das neu errichtete Ghetto der Stadt umziehen. Zum Arbeitseinsatz beim Bau der Reichsautobahn gezwungen, musste er seine Eltern und seine Geschwister zurücklassen. Nur einen Bruder sollte er nach dem Krieg wiedersehen, alle anderen Familienangehörigen wurden bald danach ermordet. Für Moniek Baumzecer begann 1940 eine lange Zeit der Lagerhaft und Zwangsarbeit; wegen einer verbotenen Liebesbeziehung wurde er zur Strafe in das Konzentrationslager Mauthausen eingewiesen, wo er im Steinbruch arbeiten musste. Von dort wurde er in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort Zeuge der Massenmorde. Nach der Befreiung heiratete Moniek Baumzecer und zog mit seiner Frau Hanka nach Paris, wo das Paar eine Familie gründete und erfolgreich in der Modebranche tätig war. Zum Zeitpunkt des Interviews war er 93 Jahre alt.

Moniek Baumzecer (01183/sdje/0068). Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 12. November 2013 (Berlin). Durchführung: Gabriele Zürn, Nadja Grintzewitsch und Daniel Hübner. Transkription: Gabriele Zürn. Bearbeitung: Martin Hölzl.

 

Binnen weniger Monate im Jahr 1942 verlor Natan Grossmann seine gesamte Familie. Doch nicht nur diese Verluste und die Erfahrungen von Zwangsarbeit und Hunger prägten sein Leben. Von ebenso großer Bedeutung waren die Erkenntnisse über Selbstverteidigung und Widerstand vor und nach 1945.

1927 in einem polnischen Schtetl geboren, wuchs Natan Grossmann in einer ärmlichen Schusterfamilie auf. Bereits als Kind erlebte er Ausgrenzung und Verfolgung. Nach dem erzwungenen Umzug in das Ghetto Litzmannstadt 1940 musste die gesamte Familie Zwangsarbeit leisten. Sein Bruder und sein Vater wurden 1942 ermordet, seine Mutter starb den Hungertod. Als Waise überlebte er die Bedrohung im Ghetto, die Deportation nach Auschwitz-Birkenau, die darauf folgende Zwangsarbeit in Vechelde sowie den Todesmarsch nach Ludwigslust. Nach der Befreiung durch amerikanische Truppen und der kurzzeitigen Rückkehr nach Lodz entschloss er sich zur Auswanderung nach Palästina. Über ein militärisches Ausbildungslager der Hagana erreichte er 1946 Haifa. Nach seiner Ankunft arbeitete er zunächst in einem Kibbuz und kämpfte schließlich für Israel im Unabhängigkeitskrieg. Im Jahr 1959 kam Natan Grossmann nach Deutschland und heiratete. Die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte begann wenige Jahre vor dem Interview durch ein Filmprojekt über Menschen aus Lodz und Umgebung. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte der 86-Jährige in München.

Natan Grossmann (01168/sdje/0063). Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin (11. Juli 2013). Durchführung: Daniel Baranowski, Christoph Schönborn und Daniel Hübner. Transkription und Bearbeitung: Christoph Schönborn.

Bild: Simcha Malin, Tel Aviv, November 2013

Bild: Tova Aran, Tel Aviv, November 2013

Bild: Moniek Baumzecer, Berlin, November 2013

Bild: Natan Grossmann, Berlin, Juli 2013