Werkstattberichte

24. September 2018

Ukrainische Impressionen

Den Auftakt des Besuchsprogramms bildete am Vormittag des 12. Septembers ein Besuch im »Akademischen Musikalisch-Dramatischen Zigeuner-Theater«, wo die Stiftungsdelegation dessen Leiter Igor Krykunov traf. Krykunov informierte über seine Arbeit und die schwierige Situation der Roma in der Ukraine. Das Theater inszeniert Stücke auf Ukrainisch, Russisch sowie Romanes und bereitet derzeit eine Aufführung zum Völkermord an der Minderheit vor. Krykunov unterstrich die Bedeutung des Tatortes Dewoschin für die ukrainischen Roma und versprach seine Unterstützung für die Eröffnungsfeierlichkeiten des dort im Rahmen des Projekts »Erinnerung bewahren« geplanten  Erinnerungszeichens im Jahr 2019. Anschließend traf sich die Gruppe aus Deutschland mit Aschot Avanesjan, dem Leiter des Rats der nationalen Minderheiten der Ukraine, und mit Petro Grigoritschenko, dem Präsidenten des »Kongresses der Roma der Ukraine«. Hier galt der Austausch Fragen einer möglichen Zusammenarbeit der Stiftung mit den beiden Institutionen und der Erforschung des Genozids an den Roma in der Ukraine und Europas während des Zweiten Weltkrieges. Bereits um 15 Uhr fand in der Stadtverwaltung von Berdytschiw eine Zusammenkunft mit den Dorfräten der Projektorte und mit Vertretern der Kulturabteilungen der Gebietsverwaltungen von Shytomyr und Winnyzja statt. Hier berichtete die Stiftung über den Sachstand der Arbeiten im Rahmen von »Erinnerung bewahren« und präsentierte Entwürfe für die elf Gedenk- und Informationsorte auf jüdischen Massengräbern. Zum Abschluss des Tages lud der Bürgermeister von Berdytschiw, Vasyl Mazur, zu einem Abendessen ein.

Am folgenden Tag traf sich der deutsch-ukrainische Ausstellungsbeirat, um über Texte und Fotos der geplanten fünf Informationstafeln (Das Jüdische Berdytschiw, Holocaust, Wiederaufbau und Erinnerung, Schicksale und heutige Topografie) in Nachbarschaft zum zentralen Holocaustgedenkstein der Stadt zu diskutieren. Von ukrainischer Seite nahmen teil: Vasyl Mazur, Bürgermeister von Berdytschiw, Valentyna Adamenko, Stellvertreterin des Bürgermeisters, Valentyna Kuzmenko, Leiterin der Kulturabteilung der Stadtverwaltung, Valentyna Petrukhina, stellvertretende Direktorin der Kinderbibliothek und ehrenamtliche Direktorin des jüdischen Museums des Judentums, Pavlo Skavronskyi, Leiter des historischen Museums, Anatoliy Gorobchiuk, Lokalhistoriker, sowie Hennadii Kysliuk, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Berdytschiws. Für »Erinnerung bewahren«: Mykhaylo Tyaglyy, Historiker und Mitarbeiter des Ukrainischen Zentrums für Holocaust-Studien, Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung, Jana Mechelhoff-Herezi, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung, Aleksandra Wroblewska, Projektkoordinatorin, Dr. Svetlana Burmistr, Bozhena Kozakevych und Mariya Goncharenko-Schubert, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen. Die Debatten offenbarten zwar auch unterschiedliche Sichtweise in der Darstellung der historischen Ereignisse, bezeugten aber zugleich den kollegialen Charakter der Zusammenarbeit. Nach dem Ende der Sitzung traf sich die Delegation aus Berlin in der Stadtbibliothek mit Überlebenden, besuchte das Stadtarchiv sowie das städtische Museum und genoss abends erneut die Gastfreundschaft des Bürgermeisters von Berdytschiw.

Der Vormittag des 14. Septembers stand im Zeichen der jährlichen Gedenkzeremonie für die Opfer des Holocaust in der Stadt und ihrer Umgebung; am 15. September 1941 hatten deutsche SS-Angehörige und einheimische Polizeikräfte etwa 12.000 jüdische Kinder, Frauen und Männer auf dem Marktplatz zusammengetrieben und nahe Flugplatz erschossen. Es sprachen unter anderem Bürgermeister Mazur, Direktor Neumärker und Rabbi Akima Nemoj. Im Anschluss wurden am Gedenkstein in der Stadt wie auch auf dem jüdischen Friedhof und an drei Massengräbern in der Umgebung Berditschiws Kränze und Blumen niedergelegt. Daraufhin fuhr die deutsche Delegation weiter nach Iwanopil, wo Zeitzeuge Deonozij Sovinskij ihr die Orte der Verfolgung und Ermordung der Roma sowie eine Gedenkanlage aus sowjetischer Zeit zeigte, die um eine Informationsstele ergänzt wird. Am 15. September ging es über Land – nach Norden, fast an die Grenze zu Weißrussland, wo 1942 in Dewoschin und Kalinivka (Holyschi) Roma erschossen bzw. in einer Scheune verbrannt worden waren. Beide Orte werden im Rahmen des Projekts durch Gedenksteine und Informationsstelen erstmals gekennzeichnet.

Am Sonntag, den 16. September, erfolgten die Rückfahrt nach Kiew und eine Besichtigung des Zentrums. Direktor Neumärker nahm am 17. September noch an einem Arbeitstreffen des »Baby Yar Holocaust Memorial Centers« und an einem Abendessen des deutschen Botschafters in der Ukraine, Dr. Ernst Reichel, teil.

Bild: Kiew, 12. September 2018: Treffen mit Igor Krykunov © Stiftung Denkmal

Bild: Kiew, 12. September 2018: Besuch beim Rat der nationalen Minderheiten der Ukraine © Рад національних спільнот України

Bild: Berdytschiw, 12. September 2018: Zusammenkunft mit den Dorfräten und Vertretern der Gebietsverwaltungen von Shytomyr und Winnyzja © Stiftung Denkmal

Bild: Berdytschiw, 12. September 2018: Svetlana Burmistr und Aleksandra Wróblewska in der »Blauen« Synagoge © Stiftung Denkmal

Bild: Berdytschiw, 13. September 2018: Beiratstreffen unter Leitung von Bürgermeister Vasyl Mazur, rechts Pavlo Skavronskyi, Leiter des Stadtmuseums © Stiftung Denkmal

Bild: Berdytschiw, 13. September 2018: Treffen mit Zeitzeugen, in der Mitte: Michael Vanshelboim (*1928). Über 30 seiner Familienangehörigen wurden in und um Berdytschiw ermordet. © Stiftung Denkmal

Bild: Berdytschiw, 14. September 2018: Gedenkzeremonie, rechts Hennadii Kysliuk, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Berdytschiws © Stiftung Denkmal

Bild: Berdytschiw, 14. September 2018: Uwe Neumärker bei seiner Ansprache © Stiftung Denkmal

Bild: Berdytschiw, 14. September 2018: Rabbiner an einem Massengrab im Vorort Romanivka (Shydowzy) © Stiftung Denkmal

Bild: Iwanopil, 14. September 2018: Deonozij Sovinskij zeigt den Ort der umgebetteten Romaopfer. © Stiftung Denkmal

Bild: Dewoschin, 15. September 2018: am Massengrab der Roma © Stiftung Denkmal