Werkstattberichte

06. Dezember 2011

Ruth Michel

Neues Interview im Videoarchiv

»Bevor es jetzt weitergeht, möchte ich die Namen derer nennen, die ich kenne.« Nach über zwei Stunden des Interviews zählte Ruth Michel die Namen der Juden auf, die beim Massaker von Mikuliczyn erschossen wurden – darunter ihr Vater Aron Rosenstock.

1928 in Königsberg geboren zog Ruth Michel mit ihrer Familie im Alter von sieben Jahren in die Waldkarpaten, in das damals polnische Mikuliczyn. Dort erlebte sie zunächst 1939 den Einmarsch der Roten Armee und schließlich 1941 die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht. Nachdem ihr jüdischer Vater sich versteckt halten musste, kümmerte sie sich selbst um den Lebensunterhalt für die Familie. Im Dezember 1941 wurde ihr Vater zusammen mit allen anderen jüdischen Einwohnern der Stadt verhaftet und im Wald zwischen Mikuliczyn und Tatarow erschossen. Ruth Michels Wohnhaus war kurz zuvor vom Hochwasser des Pruth zerstört worden, so dass sie, ihre Mutter und ihre Schwester nicht von der Razzia durch die Besatzer betroffen waren. Mit ihrer christlichen Mutter und als polnische Zwangsarbeiterin getarnt, schaffte sie es, während des Krieges zurück nach Königsberg zu gelangen, wo sie das Kriegsende und die Bombardierungen durch die russische Armee miterleben musste. Zum Zeitpunkt des Interviews war Ruth Michel 81 Jahre alt.

Ruth Michel (01122/sdje/0024), 26. Oktober 2010 (Leinfelden-Echterdingen). Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Durchführung: Daniel Baranowski, Gabriele Zürn und Uwe Seemann. Bearbeitung: Daniel Baranowski.

 

 

26.10.2011, Leinfelden-Echterdingen