Werkstattberichte

29. Juni 2015

Gedenken an die ermordeten Juden aus Ostpreußen in Minsk

Am 24. Juni 2015 – 73 Jahre nach der ersten Deportation aus Ostpreußen – wurde auf dem Gelände des früheren jüdischen Friedhofs der weißrussischen Hauptstadt Minsk ein Gedenkstein für die aus Königsberg und der Provinz Ostpreußen verschleppten und am 26. Juni 1942 in Malyj Trostenez ermordeten Juden feierlich der Öffentlichkeit übergeben.

Seit Anfang der 1990er Jahre haben mehrere Städte Gedenksteine aufgestellt, etwa Berlin, Hamburg und Wien. Nach einer Begrüßung durch die Moderatorin Olga Rensch-Wetzel, Direktorin der IBB Minsk, sprachen der deutsche Botschafter Wolfram Maas, Klaus Weigelt, Vorsitzender der Stiftung und Stadtgemeinschaft Königsberg, für die Geldgeber – neben den Königsbergern die Ostpreußische Kulturstiftung, die Landsmannschaft Ostpreußen und die Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen, sowie Viktor Schapiro für die jüdische Gemeinde Kaliningrad und Galina Lewina für die jüdischen Gemeinden und Organisationen in Weißrussland. Anschließend ergriffen Jakow Krawchinskyj (*1933) aus Minsk und als Abschluss Nechama Drober (*1927) aus Königsberg das Wort: »Heute stehe ich hier mit Ihnen, um mit diesem Gedenkstein an die Juden zu erinnern, die am 24. Juni 1942 aus ihrer Heimat Ostpreußen nach Minsk verschleppt und zwei Tage später im Wald von Blagowtschina erschossen wurden. Unter ihnen waren meine Verwandten, Freunde und Schulkameraden. Sie hatten Wünsche und Träume, sie liebten ihr deutsches Vaterland und wurden jäh aus dem Leben gerissen – weil sie Juden waren. […] Alles ging so schnell. Wir konnten uns von unseren Lieben nicht einmal richtig verabschieden. Wir ahnten damals nicht, dass wir uns alle nie wiedersehen würden. Es ist ein ganz besonderer Tag für mich und eine Ehre. Und ich spreche heute auch für die Juden aus Königsberg und aus Ostpreußen, die in Minsk und anderswo von den Nazis ermordet wurden, und ich spreche auch für alle Nichtjuden aus meiner Heimat, die den Krieg und die anschließende Hungersnot nicht überlebt haben.« Es folgte das Kaddisch mit Rabbiner G. Abramowitsch. Am Ende der Veranstaltung legten die Deutsche Botschaft, die Stiftung Denkmal und das IBB Minsk Kränze und viele Anwesende Blumen nieder.

Nach einem Mittagessen mit dem Botschafter begaben sich Nechama Drober, ihr Sohn Edik und Klaus Weigelt in Begleitung der IBB-Mitarbeiterin Sabrina Bobowski nach Malyj Trostenez, der Vernichtungsstätte bei Minsk. Dort hatte Präsident Lukaschenko am 22. Juni, dem Jahrestag des Angriffs der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941, eine Gedenkanlage eingeweiht. Nach der Besichtigung ging die Fahrt in den Wald von Blagowtschina, wo zwischen Sommer 1941 und Frühjahr 1944 bis zu 150.000 Menschen von den deutschen Besatzern erschossen oder in Gaswagen ermordet wurden – unter ihnen die jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Ostpreußen. Erst 2009 hatte Nechama Drober erfahren, wohin die SS ihre Angehörigen und Freunde verschleppt hatte. Nun, 73 Jahre nach der Deportation, war sie erstmals am Ort des Mordes. Über eine halbe Stunde hing sie schweigend ihren Erinnerungen nach. So anstrengend und beschwerlich dieser Besuch für die fast 88-jährige Überlebende auch war, die Gewissheit, an der Erschießungsstätte gewesen zu sein, bot ihr sichtbare Erleichterung. Der Tag schloss mit einer kurzen Besichtigung der Minsker Innenstadt.

Bild: Gäste der Gedenkzeremonie, mittig: der deutsche Botschafter in Weißrussland, Wolfram Maas, sein Ständiger Vertreter, Holger Rapior, Klaus Weigelt und Nechama Drober, Foto: IBB Minsk

Bild: Gäste der Gedenkzeremonie, mittig: der deutsche Botschafter in Weißrussland, Wolfram Maas, sein Ständiger Vertreter, Holger Rapior, Klaus Weigelt und Nechama Drober, Foto: IBB Minsk

Bild: Uwe Neumärker bei der Kranzniederlegung, Foto: IBB Minsk

Bild: Uwe Neumärker bei der Kranzniederlegung, Foto: IBB Minsk

Bild: Klaus Weigelt und Nechama Drober vor dem Gedenkstein, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Klaus Weigelt und Nechama Drober vor dem Gedenkstein, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Das Rondell der Gedenksteine für ermordete Juden aus (v. l. n. r.): Königsberg und Ostpreußen, Köln, Bonn und dem Rheinland, Bremen, Hamburg, Düsseldorf, Berlin, Wien und Frankfurt am Main, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Das Rondell der Gedenksteine für ermordete Juden aus (v. l. n. r.): Königsberg und Ostpreußen, Köln, Bonn und dem Rheinland, Bremen, Hamburg, Düsseldorf, Berlin, Wien und Frankfurt am Main, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Frau Drober in der zwei Tage zuvor eröffneten Gedenkanlage in Malyj Trostenez, Foto: IBB Minsk

Bild: Frau Drober in der zwei Tage zuvor eröffneten Gedenkanlage in Malyj Trostenez, Foto: IBB Minsk

Bild: Frau Drober am Gedenkstein im Wald Blagowtschina, Foto: IBB Minsk

Bild: Frau Drober am Gedenkstein im Wald Blagowtschina, Foto: IBB Minsk

Bild: Frau Drober und ihr Sohn Edik in der Minsker Altstadt, Foto: Stiftung Denkmal

Bild: Frau Drober und ihr Sohn Edik in der Minsker Altstadt, Foto: Stiftung Denkmal