05. Juni 2015

Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen in Ostpreußen

Ostpreußen – für viele Deutsche ein Mythos. Die Erinnerung an die einst östlichste preußische Provinz, die seit nunmehr 70 Jahren nicht mehr zu Deutschland gehört, wird von schönen Landschaften und den Bildern von Flucht und Vertreibung bestimmt. Die Zeit des Nationalsozialismus wird noch immer weitgehend ausgeblendet und ist zugleich wenig erforscht. Mehrere Veranstaltungen der Stiftung Denkmal möchten einen Beitrag zum historischen Gedächtnis leisten.

Übergabe von Erinnerungszeichen in Lauknen (Gromowo) und Minsk
Vier Jahre beschäftigte sich ein von der Stiftung Denkmal koordiniertes deutsch-russisches Projekt mit polnischer Unterstützung mit dem vergessenen Lager Hohenbruch. Im Rahmen dieser Kooperation wird am 10. Juni 2015 in Anwesenheit des Deutschen Generalkonsuls Dr. Dr. Rolf Friedrich Krause, des Generalkonsuls der Republik Polen, Marcin Nosal, sowie des Leiters der Slawsker Bezirksverwaltung Sergej Lawrikaitis eine russisch-polnisch-deutsche Informationstafel eingeweiht. Hohenbruch war – neben Soldau (heute Polen) – von Ende August 1939 bis Mitte Januar 1945 das zweitgrößte nationalsozialistische Lager auf dem Gebiet Ostpreußens. Es befand sich in Lauknen, das seit 1946 als Gromowo zum Königsberger Gebiet der Russischen Föderation gehört. Hohenbruch steht neben der Verfolgung deutscher Regimegegner, Juden und Sinti insbesondere für den Terror gegen Polen, aber auch gegen Litauer und sowjetische Kriegsgefangene. Die Anzahl der Häftlinge, darunter auch Frauen, betrug 1944 zwischen 1.500 und 3.000. Viele kamen gewaltsam zu Tode.

Seit Anfang der 1990er Jahre haben mehrere Städte Gedenksteine für nach Minsk deportierte und ermordete Juden aufgestellt, etwa Berlin, Hamburg und Wien. Am 24. Juni 2015 – dem Jahrestag der großen Deportation aus Königsberg und der Provinz Ostpreußen 1942 – folgt nun ein von der Stiftung Denkmal initiiertes Erinnerungszeichen für die mindestens 465 jüdischen Kinder, Frauen und Männer, die zwei Tage nach ihrem Abtransport aus ihrer Heimat in der Vernichtungsstätte Malyj Trostenez bei Minsk ermordet wurden. Es sprechen unter anderem der Deutsche Botschafter in Weißrussland, Wolfram Maas, und die Holocaustüberlebende Nechama Drober. Finanzielle Unterstützung leisteten die Stiftung und Stadtgemeinschaft Königsberg, die Ostpreußische Kulturstiftung, die Landsmannschaft Ostpreußen und die Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen.

Veranstaltungen zum Thema
Mit zwei Zeitzeugengesprächen im Juni und Juli möchte die Stiftung an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung Ostpreußens sowie der Sinti und Roma dieses Landstrichs erinnern.

»Wann endlich wird dieser Spuk, diese Hölle enden?« – Zeitzeugengespräch mit Nechama Drober,
18. Juni 2015, 18 Uhr, in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen, Hiroshimastraße 12–16, 10785 Berlin

Nechama Drober (*1927) wurde als Hella Markowsky in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg geboren. Sie war Augenzeugin der Deportationen von Juden im Sommer 1942, bei denen sie engste Freunde, Verwandte und Schulkameraden verlor. Sie erlebte die Zerstörung ihrer Heimatstadt durch alliierte Bomber im Sommer 1944 und die gewaltsame Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee Anfang 1945. Ihr Vater Paul wurde nach Sibirien verschleppt, ihre Mutter Martha und ihr fünfjähriger Bruder Denny verhungerten. Hella floh mit ihrer Schwester Rita von Königsberg ins Umland. Anschließend flüchteten beide als »Wolfskinder« nach Litauen und siedelten 1949 in das moldauische Kischinew über, wo sie bis zu ihrer Ausreise nach Israel 1990 wohnten. Die Stiftung Denkmal veröffentlicht hierzu die dritte Auflage ihrer Erinnerungen unter dem Titel »Ich heiße jetzt Nechama. Mein Leben zwischen Königsberg und Israel«.

»Ausgegrenzt« – Zeitzeugengespräch mit Waltraud und Paul Dambrowski aus Ostpreußen
2. Juli 2015, 18 Uhr, Veranstaltungssaal Galerie Kai Dikhas, Aufbau Haus 84.2, 3. OG, Moritzplatz, 10969 Berlin

Paul Dambrowski (*1937) wurde in der Hauptstadt Ostpreußens und Waltraud (*1942) in Schloßberg (Pillkallen) geboren. Beide stammen aus alteingesessenen ostpreußischen Sintifamilien. Sie kannten sich bereits als Kinder von Besuchen der Dambrowskis in Schloßberg. Paul und seine Familie wurden im Königsberger ›Zigeunerlager‹ am Contiener Weg festgehalten, beide Eltern ermordet. Paul und seine sechs Geschwister flohen 1945 mit ihrer Großmutter nach Niedersachsen. Hier traf Paul Waltraud wieder, deren Familie sich ebenfalls dorthin durchgeschlagen hatte. In den 1960er Jahren zogen beide nach Mannheim, wo sie eine Familie gründeten. Das Ehepaar Dambrowski engagiert sich seit vielen Jahren beim Landesverband Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg.

Bild: ab 1939 Polizeihaftlager, von 1941 bis 1945 »Arbeitserziehungslager« Hohenbruch, © Kreisgemeinschaft Labiau

Bild: ab 1939 Polizeihaftlager, von 1941 bis 1945 »Arbeitserziehungslager« Hohenbruch, © Kreisgemeinschaft Labiau