Reden von der Übergabe am 2. September 2014

Bild: Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde, Foto: Marko Priske

Rede von Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters zur Eröffnung des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde

Datum: 02. September 2014

»Die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten, ihrer Opfer zu gedenken und die Erinnerung auch in nachfolgenden Generationen wach zu halten, ist und bleibt eine immerwährende Aufgabe und moralische Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland«, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters in ihrer Eröffnungsrede.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

Am 3. März 1945 erhielt Dora Schönfelder einen Brief der Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz, in dem man sie über den Tod ihrer 27jährigen Tochter informierte. Ich zitiere: »Marianne ist an einer plötzlichen Kreislaufstörung verstorben. Sie hatte ja ohnehin ein Herzleiden. Wir nehmen an Ihrer Trauer aufrichtig Anteil. Wollen Sie, sehr geehrte Frau Schönfelder, aber auch bedenken, dass der Tod, der Ihnen Ihre Tochter nimmt, dieser die Erlösung von einem gänzlich hoffnungslosen und nicht mehr lebenswerten Dasein gebracht hat. Er ist unserer Ansicht nach eine Fügung, für die Sie sehr dankbar sein dürfen.«

Meine Damen und Herren, Sie kennen Marianne vielleicht vom Sehen: ihr hübsches, fein geschnittenes Gesicht, ihren blonden Pagenkopf, ihr Lächeln, das ein bisschen verlegen wirkt. Der Maler Gerhard Richter war ihr Neffe; er hat nach der Vorlage eines alten Schwarz-Weiß-Fotos ein Ölgemälde gemalt, das ihn als vier Monate alten Säugling mit »Tante Marianne«, der damals 14jährigen Schwester seiner Mutter zeigt. Das Bild ging 2004 durch die Medien, nachdem Mariannes Schicksal durch einen Beitrag des Berliner Tagesspiegel bekannt geworden war. Als 21jährige wurde Marianne mit der Diagnose Schizophrenie in die Heilanstalt Arnsdorf eingewiesen und dort zwangssterilisiert. Sieben Jahre später starb sie an Medikamentenüberdosierung, systematischer Mangelernährung und unzureichender Pflege in der Landesanstalt Großschweidnitz.

So wie Marianne fielen in ganz Europa etwa 300.000 kranke und behinderte Menschen der so genannten »Vernichtung lebensunwerten Lebens« durch die Nationalsozialisten zum Opfer. In sechs Tötungsanstalten wurden von Januar 1940 bis August 1941 mehr als 70.000 Menschen ermordet. Nach der formellen Einstellung der Gasmorde wurden bis 1945, so wie Marianne, viele weitere Menschen durch Überdosierung mit Medikamenten, Nahrungsentzug und Vernachlässigung ums Leben gebracht. Opfer waren Menschen mit geistiger Behinderung, körperlich behinderte Menschen, psychisch Kranke, chronisch Kranke, Menschen, die an Epilepsie, Alterssenilität oder Geschlechtskrankheiten litten, - und Menschen, die als unangepasst, als »asozial« galten. Ihrer Identifikation, Verfolgung und Ermordung diente die »Aktion T4«, benannt nach der Adresse der zuständigen Dienststelle in der Tiergartenstraße 4. Sie war nur ein Teil des umfassenden Massenmordes an Kranken und Behinderten im Dritten Reich.

An diesem Ort, den wir heute als Gedenk- und Informationsort der Öffentlichkeit übergeben, wurde die Vernichtung lebensunwerten Lebens geplant, organisiert und verwaltet. Verwaltungsanweisungen und Krankenakten zeugen davon, darin Notizen, aus denen auf bestürzende Weise die kalte Verachtung des selektierenden Blicks spricht. So ist zum Beispiel über die 21jährige Elisabeth im Meldebogen eines Pflegeheims unter der Rubrik »Genaue Angabe der Beschäftigung« zu lesen: »praktisch für nichts zu verwenden. Völlig unbrauchbare Ruine.«

Die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten, ihrer Opfer zu gedenken und die Erinnerung auch in nachfolgenden Generationen wach zu halten, ist und bleibt eine immerwährende Aufgabe und moralische Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland. Der Anspruch an uns selbst, moralisch angemessen mit den Abgründen der eigenen Geschichte umzugehen und nicht zuletzt dadurch ein identitätsstiftendes Fundament für die Gegenwart und Zukunft zu legen, gehört zum Selbstverständnis unserer Nation.

Lange - zu lange - hat es gedauert, bis Deutschland auch dem Gedenken an die Opfer der »Euthanasie«-Morde und der Zwangssterilisationen öffentlich Raum gegeben hat. Immerhin: Seit Ende der 1980er Jahre erinnern eine in den Boden eingelassene Gedenktafel und eine nachträglich umgewidmete Plastik von Richard Serra in der Tiergartenstraße 4 an die Bürokratie der Selektion und Vernichtung so genannten »lebensunwerten« Lebens. Auch hier, auch in diesem Fall, waren es bürgerschaftliche Initiativen, insbesondere der 2007 von Ihnen, liebe Frau Falkenstein, ins Leben gerufenen Runde Tisch, die wesentlich dazu beigetragen haben, den Weg zu bahnen für ein würdiges Gedenken.

Ehemalige Tötungsanstalten der Aktion »T4« erhalten wir zwar schon länger als Gedenkorte. Doch erst im November 2011 fasste der Deutsche Bundestag den Beschluss, den Opfern der »Euthanasie«-Morde auch am historischen Ort hier in der Tiergartenstraße einen sichtbaren Gedenkort zu geben, der - darauf möchte ich ausdrücklich hinweisen - selbstverständlich barrierefrei gestaltet ist. Danke, liebe Frau Falkenstein, für Ihr Engagement! Danke auch Ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern und all denen, die daran Anteil haben, dass wenigstens die Erinnerung an die Menschen, denen man im Dritten Reich wegen ihrer Krankheit oder Behinderung das Recht auf Leben versagt hat, im öffentlichen Bewusstsein lebendig bleibt!

Erinnerung ist noch mehr, als das Andenken zu pflegen. An die Opfer der Aktion »T4« zu erinnern heißt auch, der menschenverachtenden Unterscheidung zwischen »lebenswertem« und »lebensunwertem« Leben die Überzeugung entgegen zu setzen, dass jedes menschliche Leben es wert ist, gelebt und geliebt zu werden. Der Gedenkort »T4« konfrontiert uns mit einem Denken, das sich anmaßt, den Wert des einzelnen Lebens zu beurteilen: mit der Lebensvernichtungsbürokratie, die man daraus legitimierte, aber auch mit den Motiven und Gesinnungen der üblen Verwalter und brutalen Vollstrecker.

Die rassenideologischen Überlegungen und das kalte ökonomische Kalkül, das die Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens an seiner so genannten »Nützlichkeit« und »Brauchbarkeit« für die Gesellschaft bemaß, waren nur ein Teil der Motive, die die Aktion »T4« in Gang setzten und befeuerten. Damit einher ging auch eine Deformierung moralischen Empfindens, die viele Menschen zu der Überzeugung gelangen ließ, die Tötung kranker und behinderter Menschen wäre ein Akt des Mitleids und deshalb auch ethisch legitim.

»T4«, meine Damen und Herren - erlauben Sie mir diese ganz persönliche Bemerkung -, sollte uns eine immerwährende Mahnung und Warnung sein: eine Warnung davor, Ausnahmen zuzulassen in der fundamentalen staatlichen Pflicht, das Recht jedes Menschen auf Leben zu schützen; eine Warnung auch davor, in aktuellen Diskussionen über das Leid Schwerstkranker das Tötungsverbot leichtfertig zur Disposition zu stellen. Das ist meine persönliche, tiefe Überzeugung als gläubige Katholikin. So verständlich das Motiv, einen kranken Menschen von seinen Qualen erlösen zu wollen, im Einzelfall auch sein mag, so unerträglich sind die Folgen für die Humanität einer Gesellschaft. Wo es die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe gibt, entsteht auch die Erwartung, sie in Anspruch zu nehmen, um anderen nicht durch die eigene Hilfsbedürftigkeit zur Last zu fallen. Das verändert familiäre Beziehungen, das hat Folgen für die Bereitschaft zur Solidarität mit den Schwachen und Kranken, das bleibt nicht ohne Wirkung auf das Wertegefüge, auf den Charakter einer Gesellschaft!

Es war ein Bischof aus meiner Heimatstadt Münster - Bischof Clemens August von Galen -, der im Dritten Reich mit unerschütterlichem Mut gegen die »Euthanasie«-Morde anpredigte und eindringlich vor dem moralischen Dammbruch warnte, den eine gesellschaftlich akzeptierte Einteilung menschlichen Lebens in »lebenswertes« und »lebensunwertes« Leben zur Folge haben würde. In seiner Predigt vom 3. August 1941 heißt es: »Es ist nicht auszudenken, welche Verwilderung der Sitten, welch allgemeines gegenseitiges Misstrauen bis in die Familien hineingetragen wird, wenn diese furchtbare Lehre geduldet, angenommen und befolgt wird.«

Die Geschichte hat Bischof von Galen auf traurige Weise Recht gegeben. Der Gedenkort »T4« erinnert uns daran. Möge er das Andenken an die Opfer bewahren und zum Nachdenken anregen über das, was eine humane Gesellschaft ausmacht!

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Quelle: www.bundesregierung.de
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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, zur
Einweihung des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der
nationalsozialistischen Euthanasie-Morde in der Tiergartenstraße 4 am
2. September 2014

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

nicht weit von hier, in der Charlottenstraße, lebte Marie Beuster, geborene Kersten. Marie Beuster wurde am 18. Februar 1878 in Berlin geboren. Sie besuchte die Volksschule und erlernte den Beruf der Zuschneiderin. 1901 heiratete sie und bekam 1904 einen Sohn. Mit 29 Jahren wurde Marie mit der Diagnose »Schizophrenie« in die Wittenauer Heilstätten (die spätere Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik) überwiesen. Ihr Zustand besserte sich, einige Monate später wurde sie entlassen. Im November 1940, mit 62 Jahren, kam es zu einer erneuten Einweisung. Ihr Krankheitsbild wurde am 15. Januar 1943 wie folgt beschrieben: »Verschlechtert sich mehr und mehr, leistet kaum noch Arbeit. Vorgeschlagen zur Verlegung in die Provinz.« Am 29. Januar 1943 wurde Marie Beuster in die Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde bei Meseritz (heute in Polen gelegen) deportiert. Der letzte Eintrag in ihrer Krankenakte vom 13. April 1943 lautete: »Exitus letalis, Altersschwäche.« Tatsächlich lassen die Umstände ihres Todes darauf schließen, dass die nicht mehr arbeitsfähige, alte und kranke Frau mit einer Überdosis Medikamenten vergiftet wurde.

Vielleicht ist Marie Beuster mit ihrer Familie im Tiergarten spazieren gegangen. Vielleicht führte sie ihr Weg auch an dem Grundstück vorbei, auf dem wir uns heute versammelt haben. Wo heute die Philharmonie steht, befand sich einst die Villa der Familie Liebermann. In dieser Stadtvilla, die in jüdischem Besitz war, residierten nach 1933 verschiedene NS-Organisationen. Ab April 1940 auch die Tarnorganisation unter der Bezeichnung »Zentraldienststelle T 4«. Sie war für die Initiierung, Koordination und Durchführung des Massenmordes an Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten sowie »rassisch« und sozial unerwünschten Menschen verantwortlich.

Der Mord an Marie Beuster, Marianne Schönfelder, Anna Lehnkering und Benjamin Traub, von denen wir gleich noch hören werden, sowie weiteren geschätzt 300.000 Menschen im Deutschen Reich und in vielen besetzten Gebieten, insbesondere im Osten, wurde in Berlin zentral geplant. Wenn wir heute an gleicher Stelle den zentralen Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde der Öffentlichkeit übergeben, dann wird in diesem überfälligen Akt auch eine große Unterlassung sichtbar. Denn lange Zeit waren die Euthanasie-Opfer vom Gedenken ausgeschlossen. Und nicht nur sie. Auch für die etwa 400.000 Menschen, die auf Grundlage des »Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« zwischen 1934 und 1945 zwangssterilisiert wurden, fehlte die öffentliche Anerkennung ihres Leids. Erst seit den 1980er Jahren entstanden in den früheren Tötungsanstalten und anderen Tatorten Gedenkstätten und Erinnerungszeichen.

Heute gilt es deshalb, jenen Historikerinnen und Historikern Dank zu sagen, die Pionierarbeit bei der Aufklärung dieser ungeheuerlichen Verbrechen geleistet haben. Sie kämpften nicht nur gegen das Vergessen, sondern oft auch gegen mächtige Gegner – Wissenschaftsorganisationen, die jede Beteiligung an den »Euthanasie«-Morden leugneten und Wissenschaftler in Schutz nahmen, die zu Verbrechern geworden waren. Hervorzuheben sind besonders die Arbeiten von Ernst Klee und Götz Aly. Und hervorzuheben ist auch ihre tiefe Empathie mit den Opfern. Sie rührt daher, dass diese Aufklärer selbst mit behinderten Menschen lebten und arbeiteten. Und so durch eigene Erfahrung erleben mussten, wie pervers das »Euthanasie«-Programm der Nationalsozialisten und wie skandalös das Verschweigen der Morde nach 1945 war.

Hier, am Ort der Planungszentrale für das nationalsozialistische Mordprogramm, würdigt seit 1989 eine im Boden eingelassene Gedenktafel die Opfer. Dennoch: Die Tiergartenstraße 4 stand lange Zeit nicht im Blick der Öffentlichkeit.

Ein sichtbares Zeichen des Erinnerns forderte der 2007 gegründete Runde Tisch »Überlegungen zur Umgestaltung des T4-Gedenkortes«. Ich möchte an dieser Stelle stellvertretend für die Vielzahl von Initiativgruppen und engagierten Einzelpersonen Frau Sigrid Falkenstein danken, die gleich auch noch zu uns spricht. Auch sie ist durch ein Familienschicksal mit dem Thema »Euthanasie im Dritten Reich« verbunden und zusammen mit Prof. Nachama eine der Initiatoren des Runden Tisches bei der Stiftung Topographie des Terrors. Dem »Runden Tisch« ist es unter anderem auch zu verdanken, dass 2008 das temporäre »Denkmal der grauen Busse« der Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz vor der Philharmonie gezeigt werden konnte.

So gelang es durch hartnäckiges Engagement, an diesem Ort der Täter für die Information über und das Gedenken an die Opfer eine immer größere Öffentlichkeit zu erreichen. Die entscheidende Grundlage für den Erfolg lag in dem Beschluss des Deutschen Bundestages von 2011, nach dem endlich ein zentraler Ort des Gedenkens geschaffen werden konnte.

Die Realisierung des Vorhabens teilten sich der Bund und das Land. Berlin stellte das bislang unbebaute Grundstück in der Tiergartenstraße zur Verfügung, gab Gelder für die Barrierefreiheit der Ausstellung und übernahm den Gestaltungswettbewerb und die Durchführung der baulichen Realisierung. Der Bund finanziert den Bau des Gedenkortes mit über 600.000 Euro. Dafür und für die sehr gute Zusammenarbeit während Planung und Durchführung des Projektes möchte ich mich bei Ihnen, Frau Staatsministerin Grütters, und Ihrem Vorgänger, Bernd Neumann, ganz herzlich bedanken.

Großen Dank möchte ich auch dem ehemaligen Berliner Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten aussprechen. Die Förderung der zeitgeschichtlichen Gedenk-Kultur war für André Schmitz eine Aufgabe, der er sich mit hohem persönlichem Einsatz gewidmet hat - auch und besonders bei diesem Projekt.

Ein Gestaltungswettbewerb wie dieser ist beispiellos und für alle Beteiligten eine große Herausforderung. 30 Arbeitsgemeinschaften aus Künstlerinnen und Künstlern, Gestalterinnen und Gestaltern, Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten wurden zu diesem Wettbewerb eingeladen. Und haben mit ihren Einreichungen für eine qualitativ hochwertige Bandbreite von künstlerischen Konzepten gesorgt. Der Entwurf der der Arbeitsgemeinschaft mit der Architektin Ursula Wilms, des Künstlers Nikolaus Koliusis und des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann wurde mit großer Mehrheit vom Preisgericht zur Realisierung empfohlen. Ihnen gratuliere ich sehr herzlich zu der gelungenen Umsetzung dieses herausragenden Konzeptes.

Mit der heutigen Übergabe des Gedenk- und Informationsortes verbinde ich die Hoffnung, dass dieser Ort viele Besucherinnen und Besucher anzieht. Dazu trägt mit Sicherheit auch die öffentlich zugängliche Information am Gedenkort bei. Diese Informationen sind in deutscher, englischer und leichter Sprache sowie über Gebärdenvideos für gehörlose Menschen und akustisch für sehschwache und blinde Menschen barrierefrei erfahrbar. Konzept und Inhalte der Ausstellung wurden durch das Erkenntnistransfer-Projekt »Erinnern heißt gedenken und informieren« an der Technischen Universität München
erarbeitet, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde.
Stellvertretend möchte ich Herrn Prof. Dr. Peter Funke, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und Dr. Gerrit Hohendorf, Leiter des Erkenntnistransfer-Projektes, danken. Last but not least gilt mein großer Dank den Stiftungen »Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ und „Topographie des Terrors«, die den Gedenk- und Informationsort von Anfang an begleitet haben zukünftig betreuen werden.

Die Verbrechen, an die hier erinnert wird, sind nicht von den Nazis erfunden worden. Es gab in der deutschen Gesellschaft lange zuvor eine unheilvolle Tradition des Sozialdarwinismus. Bereits in den Hungerzeiten des Ersten Weltkriegs waren überproportional viele Psychiatrie-Patientinnen und Patienten umgekommen. Sie waren Opfer einer Ideologie, die sich mit pseudo wissenschaftlichen Mitteln zum Herrn über Leben und Tod aufschwang. Die Nationalsozialisten konnten da mit ihrem Vernichtungsprogramm anknüpfen.

Unsere Gesellschaft hat mit dieser Tradition radikal gebrochen. Kein Leben ist lebensunwert. Etwa zehn Prozent der Deutschen leben mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung. Sie sind auf unsere Solidarität, unseren Zuspruch und unsere Empathie angewiesen. Sie haben den Anspruch auf Förderung und auf ein gleichberechtigtes Leben inmitten unserer Gesellschaft. Diesen Weg müssen wir konsequent fortsetzen. Denn erst das fürsorgliche Miteinander macht unsere Gesellschaft insgesamt lebenswert.

Mit dem Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde setzen wir ein weiteres Zeichen der Aufklärung gegen Ausgrenzung und menschenfeindliche Ideologien. Ich wünsche diesem Ort, dass er zu einem Symbol für die Achtung vor dem Leben wird und für Debatten und Themen unserer Zeit sensibilisiert.

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Redebeitrag Prof. Peter Funke, Münster, Vizepräsident der Deutschen
Forschungsgemeinschaft anlässlich der Übergabe des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde an die Öffentlichkeit
2. September 2014, Philharmonie Berlin, 11 Uhr

Frau Kulturstaatsministerin Grütters,
Herr Regierender Bürgermeister Wowereit,
meine Damen und Herren,

an vielen Orten hier in Berlin stoßen Vergangenheit und Gegenwart deutscher Geschichte aufeinander, an wenigen Orten aber bislang so unsichtbar und gleichwohl so hart wie hier an der Tiergartenstr. Die Berliner Philharmonie, in deren Foyer wir uns heute Morgen versammelt haben, ist ein Raum der Kunst, der Freiheit der Ideen und der künstlerischen Schaffenskraft, des internationalen Austauschs und der Weltweite. Zudem steht die Architektur von Hans Scharoun für die Freiheit dieser Stadt und für ein demokratisches Deutschland auf dem Weg zurück in die internationale Völkergemeinschaft. Die Philharmonie überbaut zugleich aber teilweise ein Grundstück der Tiergartenstr., das seine Geschichte und seine Identität lange Zeit gar nicht, und seit 1989 nur denen preisgegeben hat, die aufmerksam die dort eingelassene Bodenplatte gelesen haben. Die Stadtvilla mit der bürgerlichen Fassade in der Tiergartenstr. 4 war ein Ort der Täter. Zu ihnen gehörten neben Verwaltungsangestellten vor allem Mediziner, die sich mit ihrer Ausbildung doch eigentlich dazu verpflichtet hatten, schützend und zum Wohle der Menschen zu handeln, die in ihre Obhut gegeben wurden. Die Tiergartenstr. 4 symbolisiert, wie kurz der Weg vom Ausgrenzen zum Vernichten war. Der Begriff des »Verwaltungsmassenmordes«, den Hannah Arendt für die Ermordung der europäischen Juden geprägt hat, kann, wie Anette Hinz-Wessels aus der DFG-Arbeitsgruppe einmal schrieb, auf die Krankenmorde übertragen werden.

Die historische Forschung hat erst in den frühen 1980er Jahren begonnen, sich intensiver mit dem Thema zu befassen, und ich möchte an dieser Stelle insbesondere den Historiker Götz Aly nennen. Hinweisen muss man auch auf die aufrüttelnden Publikationen des Journalisten Ernst Klee, auf die Arbeit von Hans-Walther Schmuhl, aber auch auf die Anstöße durch den Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen Euthanasie und der Zwangssterilisation, in dem sich seit 1983 viele Menschen engagieren.

Es ist in erster Linie dem bürgerschaftlichen Engagement vor allem von Familienangehörigen wie Sigrid Falkenstein wie auch den öffentlichen Appellen des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen Euthanasie und der Zwangssterilisation zu verdanken, dass wir heute dieseen Ort an die Öffentlichkeit übergeben können. Entstanden ist ein Ort, der würdig und ausdrucksstark Erinnerung, Gedenken und historische Information zusammenführt. Dafür möchte ich der Architektin Frau Ursula Wilms große Anerkennung und Dank sagen.

Sie mögen sich nun fragen, warum sich die DFG an der Konzeption und Einrichtung eines Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der Nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde beteiligt. Es gibt zunächst einen Grund, der in der Natur der Arbeit der Deutschen Forschungsgemeinschaft liegt: als Einrichtung der Forschungsförderung unterstützt die DFG Wissenschaft und Forschung in allen ihren Zweigen. Als die Akten der Aktion T4 zu Beginn der 1990er Jahre im Bestand des Zentralarchivs des Ministeriums für Staatsicherheit wieder auftauchten, hat die DFG nach der üblichen eingehenden Begutachtung der Anträge die Erschließung der Akten und erste exemplarische Auswertungen und deren Publikation gefördert. Der Aktenfund hat die Forschung und unser Bild verändert, denn nun kommen viel stärker die Opfer und ihre individuellen Schicksale zum Tragen. Schon damals waren auch Mitglieder der jetzigen DFG-Arbeitsgruppe an den Forschungen beteiligt.

Die Ergebnisse eines Forschungsprojektes in die Gestaltung eines Gedenkortes wie den in der Tiergartenstr. 4 einfließen zu lassen, war für die DFG ein Novum, und für alle, die daran beteiligt waren, zugleich eine Herausforderung. Ich weiß um die intensiven Diskussionen, die es in der gemeinsamen Planungsgruppe gegeben hat, das künstlerische Konzept des Gedenkortes und die Ziele eines Informationsortes zusammenzubringen. Und von Beginn an musste sich die Planungsgruppe der Grundspannung stellen, die darin liegt, an einem Ort der Täter der Opfer zu gedenken. Die Perspektive der Opfer sollte sich auch in der Struktur der Ausstellung insgesamt spiegeln. Der Gedenk- und Informationsort soll zudem nicht nur an die Opfer der Aktion T4, sondern an alle Opfer der »Euthanasie«-Morde erinnern. Es sollten auch Verbindungslinien zu den anderen Mordaktionen gezogen werden: dem Kinder-Euthanasie-Programm, zur sog. dezentralen Euthanasie, zu den Krankenmorden in den besetzen Gebieten Polens und der Sowjetunion, nicht zuletzt zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.

Für die Erarbeitung der historischen Informationen war von Beginn an der Gedanke der Barrierefreiheit wesentlich. Angesprochen werden sollen insbesondere auch Menschen mit psychischen Erkrankungen oder mit geistiger Behinderung. Die Erwartungen von Betroffeneninitiativen sind bei den Vorbereitungen in einem gemeinsamen Treffen besprochen und berücksichtigt worden. So wurden alle Texte in »Leichte Sprache« übertragen. Es gibt überdies eigene Angebote für Menschen mit Seh- und Hörbehinderungen.

Für die Beteiligung der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Konzeption dieses Ortes gibt es aber noch einen weiteren gewichtigen Grund: die DFG hat ihre eigene Geschichte im 3. Reich. Und sie ist sich dieser Geschichte sehr bewusst. Die DFG wurde 1920, damals als Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft gegründet. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ist die DFG nicht etwa gleichgeschaltet worden, sie hat sich vielmehr, wie weite Teile der deutschen Wissenschaft, selbst für die Ziele des NS-Staates mobilisiert und sie hat dabei auch Forschungen gefördert, die jeder Ethik und allen Regeln der Menschlichkeit zuwiderliefen. Wir haben diesen Teil unserer Geschichte in einem umfangreichen Forschungsvorhaben aufarbeiten lassen. Aus Kenntnis und im Bewusstsein ihrer eigenen Vergangenheit sieht es die DFG daher auch als eine ihrer Aufgaben an, Forschungen zur Zeit des Nationalsozialismus nicht nur zu unterstützen, sondern auch für eine breite Vermittlung der Forschungsresultate Sorge zu tragen.

Lassen Sie mich abschließend im Namen der Deutschen Forschungsgemeinschaft Dank sagen, Dank (sagen) all denen, die in den letzten eineinhalb Jahren unermüdlich daran mitgewirkt haben, dass es nun einen würdigen Ort gibt, an dem der Opfer gedacht wird: der Architektin Frau Wilms, den Leitern der federführenden Stiftungen Herrn Neumärker und Herrn Nachama, den Mitarbeitern der Berliner Senatsverwaltungen und von »Grün Berlin« Frau Sander und Herrn Thoenessen, den Mitarbeitern der Staatsministerin für Kultur und Medien, Frau Hamm von der Arbeitsgemeinschaft »Bund der ›Euthanasie‹-Geschädigten und Zwangssterilisierten« und nicht zuletzt den Mitgliedern des DFG-Projektes Frau Rotzoll, Herrn Hohendorf, Frau Fuchs, Frau Hinz-Wessels, Herrn Beyer und Herrn Thiel.

Herzlichen Dank.

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Dr. Hartmut Traub
Lesung zur Einweihung der Gedenkstätte für die »Euthanasie«-Opfer der »Aktion T4« am 02. September 2014 in Berlin

13. März 1941.
Für 64 Patienten der »Heilanstalt« Weilmünster ist das der letzte Tag ihres Lebens. Alle möglichen Gründe für eine Zurückstellung von der Todesliste zählen nicht mehr. Das System der Mordmaschinerie von »T4« nähert sich bei ihnen seinem politisch gesteckten Ziel: »Ausmerze«. Auch diese letzte Stufe der Vernichtung »lebensunwerten Lebens« ist von den Konstrukteuren der »T4- Aktion« bis ins Detail durchorganisiert. «Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« wird Paul Celan 1952 schreiben. Und dieser Tod ist ein besonderer.

Auf dem Hof von Weilmünster warten die grauen Busse der »Gemeinnützigen Krankentransport GmbH«, um die Todeskandidaten aufzunehmen. Während sie sich, wie der Anstaltsleiter später zu Protokoll geben wird, auf den Busausflug freuen, ihn gar auffordern einzusteigen und ein bisschen mitzufahren, ist derweil in der Tötungsanstalt Hadamar, alles auf die Ankunft der Neuen vorbereitet: der Garagenhof, auf dem die Gruppe ankommen wird, der Schleusengang, durch den die Todeskandidaten abgeschirmt in das Anstaltsgebäude gelangen, der Untersuchungssaal für die »Aufnahmeuntersuchung«, die Gaskammer und die Krematoriumsöfen.

Auch das Personal der »Gemeinnützigen Stiftung für Anstaltspflege« steht für die Gaskammer und die Öfen bereit: der untersuchende Arzt, die Pfleger, das »technische Personal« im »Keller«. Alle zur Verschwiegenheit verpflichtet. Für sie ist dieser Tag ein normaler Arbeitstag: Menschenvernichtungsroutine, durchgeführt mehrfach täglich und das bereits über mehrere Monate.

Arglos steigt Benjamin in Weilmünster in den Bus. Etwa 30 Km geht die Fahrt durch die vorfrühlingshafte Hügellandschaft des Taunus, Richtung Westen. Nach etwa einer Stunde erreichen sie Hadamar. Die Busse parken ein. Die Garagentore werden geschlossen.

Jetzt erst dürfen die Insassen aussteigen. Ihre Ankunft wird abgeschirmt. Eine Flucht ist unmöglich. Durch einen eigens zu diesem Zweck gebauten Schleusengang gelangen sie ins Hauptgebäude der Anstalt.

Aufnahmeuntersuchung: Entkleidung, Vorstellung beim Arzt, Einsichtnahme in die Krankenakte, Vermerke, Photos. Anstaltsroutine.

Nur das, was vermerkt wird, verrät, worum es hier eigentlich geht: Feststellung einer tödlichen Krankheit für den Totenschein, die sich aus der Krankenakte erklären lässt. Registrierung von Goldzähnen. Hinweise auf »wissenschaftlich« interessante Krankheitsfälle.

Untersuchung beendet.

Aber: Vor dem Ankleiden noch in die Dusche. Pfleger treiben die Gruppe über eine schmale, dunkle Treppe in die »Duschkabine« im Keller. Eine etwa dreimal fünf Meter große, weißgeflieste Kammer. Benjamin steht jetzt eingezwängt mit weiteren 63 nackten Männern auf engstem Raum.

Die Türen werden geschlossen.

Was mag in den eingepferchten Menschen vor sich gehen? Angst, Panik? Was riechen sie? Was hören sie? Mit wem stehen sie dicht bei dicht?

Viel Zeit zu reagieren haben sie nicht.

Der diensthabende Arzt, Dr. Günter Hennecke, öffnet das Ventil der außerhalb des Raumes deponierten Gasflasche.

Aus der »Wasserleitung« in der Duschkabine strömt Kohlenmonoxyd.

Benjamin wird es übel. Er verliert das Bewusstsein. Nach wenigen Minuten sind er und seine 63 Leidensgenossen am Gas erstickt.

Durch ein Kontrollfenster bewacht das Personal den Ablauf des Massenmords.

Was sie sehen, haben sie anderenorts zu Protokoll gegeben: »Durch ein Guckloch konnte ich beobachten, daß nach etwa einer Minute die Menschen umkippten oder auf Bänken lagen. Es haben sich keinerlei Szenen oder Tumulte abgespielt. Nach weiteren fünf Minuten wurde der Raum entlüftet.« Das »technische Personal« schleift die toten Körper aus der Gaskammer. Im Sezierraum werden den registrierten Goldzahnträgern die Goldzähne gezogen. Den wissenschaftlich interessanten Fällen wird das Gehirn entnommen.

Danach beginnt das Werk der „Brenner“, der Männer an den beiden Krematoriumsöfen von Hadamar. Schwerstarbeit.

Hubert Gomerski, »Brenner« in Hadamar und später im Juden-Vernichtungslager Sobibor, berichtet bei seiner Vernehmung am 27. Februar 1947: »Dann habe ich geholfen Leichen zu verbrennen. [...] Es waren ungefähr 40 bis 60 Stück. Auf einer blechernen Tragbahre wurden sie zum Ofen gebracht. Es dauerte ungefähr 30 bis 40 Minuten, bis eine Leiche verbrannt war. Es wurde tags und nachts gearbeitet, bis die Leichen weg waren.« Auch Benjamins lebloser Körper wird am 13. März 1941 in das neben der Gaskammer eingerichtete Krematorium geschleift und dort in einem der beiden Öfen verbrannt.

Über der Stadt Hadamar steht tagelang, gut sichtbar die Rauchsäule des Krematoriums der Tötungsanstalt auf dem Mönchberg.

Im Rahmen der zentralisierten Massenmordaktion von »T4« sind in der Gaskammer von Hadamar von Januar bis August 1941 10.113 Männer, Frauen und Kinder umgebracht und im Krematorium der Vernichtungsanstalt verbrannt worden.

Text aus: Traub, Hartmut: Ein Stolperstein für Benjamin. Den namenlosen Opfern der NS-»Euthanasie«, Essen 2013, S. 30ff.

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Übergabe an die Öffentlichkeit des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Mord / 2. September 2014 in Berlin. Erinnerung und Gedenken: Sigrid Falkenstein

Die folgende Kurzbiografie meiner Tante Anna Lehnkering wurde in sogenannter Leichter Sprache verfasst. Leichte Sprache ist für jeden verständlich. Besonders hilfreich ist sie für Menschen mit Lernschwierigkeiten - also für Menschen wie Anna.

Anna wird 1915 geboren. Sie besucht eine Sonder-Schule. Lesen, Schreiben und Rechnen findet sie schwer. Anna ist nun sechzehn Jahre alt. Sie lebt zu Hause und arbeitet im Haushalt. Sie spielt gerne mit ihren Brüdern. Sie sagen: Anna ist lieb und freundlich.

Im Jahr 1933 gibt es ein Gesetz. In dem steht: Menschen, die körperlich oder geistig behindert sind, sollen keine Kinder bekommen. Diese Menschen müssen zu einem Arzt gehen. Der Arzt macht sie unfruchtbar. Anna ist jetzt neunzehn Jahre alt. Ein Gericht sagt: Anna ist geistig behindert. Sie darf keine Kinder bekommen. In einem Kranken-Haus wird sie unfruchtbar gemacht.

Danach kommt sie in eine große Psychiatrie-Anstalt. Die Patienten werden dort schlecht versorgt. Viele sterben. Auch Anna geht es sehr schlecht. Sie hat oft Heimweh. Sie ist krank und schwach.

Die Nazis sagen, dass Menschen mit Behinderung nicht leben dürfen. Weil sie weniger wert sind. Weil Menschen mit Behinderung nutzlos sind und zu viel Geld kosten.

Anna ist jetzt vierundzwanzig Jahre alt. Sie ist immer noch in der Psychiatrie-Anstalt. Sie ist krank und arbeitet nicht. Dann kommen Ärzte aus Berlin. Sie sagen, Anna ist nicht nützlich. Sie soll nicht mehr leben. Anna kommt in eine Vernichtungs-Anstalt. Sie wird mit Gift-Gas ermordet.

Danach redet niemand mehr über Anna und die vielen ermordeten Menschen. Sie werden für viele Jahre vergessen.

Soweit der Text in Leichter Sprache über Annas Leben - ein Leben, geprägt von Ausgrenzung und Diskriminierung, das am 7. März 1940 gewaltsam beendet wurde. Annas seelische und körperliche Qualen sind schwer in Worte zu fassen und bleiben letztendlich - egal in welcher Sprache - u n be s c h r e ib l i c h .

Die Lebenswege von Anna Lehnkering und Benjamin Traub weisen viele Parallelen und Schnittstellen auf. Beide galten gemäß der nationalsozialistischen Rassenideologie als »erbminderwertiger, wirtschaftlicher Ballast«. Ihr Leben wurde als »lebensunwert« bezeichnet. Beide wurden Opfer von Zwangssterilisation und »Euthanasie«, dem Massenmord an psychisch erkrankten und behinderten Menschen.

Ob sie sich jemals begegnet sind, weiß man nicht. Es wäre durchaus möglich gewesen. Beide wurden während des Ersten Weltkrieges nur wenige Kilometer voneinander entfernt im Ruhrgebiet geboren. Beide waren zur selben Zeit Patienten in der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau und wurden von dort Anfang März 1940 im Rahmen der Aktion »T4« deportiert.

Anna wurde ohne Umweg in die Gaskammer von Grafeneck transportiert. Benjamin überlebte noch ein Jahr in einer sogenannten Zwischenanstalt, bevor er in Hadamar umgebracht wurde - zwei von sechs Mordanstalten, in denen erstmalig Menschen fabrikmäßig getötet wurden. Die systematische
Ermordung der schwachen und wehrlosen, der kranken und behinderten Menschen war Probelauf für alle folgenden Massenvernichtungsaktionen im Nationalsozialismus.

Der Großteil der Täter wurde niemals zur Rechenschaft gezogen. Die alten Denkmuster und Einstellungen wirkten fort. Dagegen wurde den Opfern - wie Anna und Benjamin - auch nach ihrem Tod jahrzehntelang Unrecht zugefügt. Die Erinnerung an sie wurde ausgelöscht - nicht nur in derGesellschaft, sogar in ihren Familien. Zu groß war die Scham, zu sehr wirkte das Stigma der angeblichen »Erbminderwertigkeit« nach.

Wenn wir heute über Anna und Benjamin reden, sie beim Namen nennen, wollen wir ihnen etwas von ihrer Identität und Würde zurückgeben. Sie lachten und weinten, waren fröhlich oder traurig - kurzum sie hatten wie jeder Mensch eine ganz eigene Persönlichkeit.

Dies ist heute ein Tag gegen das Vergessen, ein Tag der Erinnerung, ein Tag des Gedenkens nicht nur an Anna und Benjamin, sondern an alle Menschen, die ihr Schicksal teilten - darunter unzählige immer noch vergessene und namenlose Opfer. Mehr als siebzig Jahre nach den Verbrechen schulden wir ihnen endlich einen Platz im Gedächtnis unserer Familien, einen Platz im kollektiven Gedächtnis unseres Landes.

Mö g e der Erinnerungsort, den wir hier eröffnen, ein Ort des Ge de n k e n s aber auch des Na c h de n k e n s sein.

Mö g e dieser Ort unseren Blick schärfen auf eine Gesellschaft, die Menschen immer noch allzu oft nach Kosten und Nutzen, nach ihrem vermeintlichen Wert oder Unwert bemisst.

Mö g e dieser Ort die Herzen der Menschen berühren und etwas in ihren Köpfen bewegen und so einen Beitrag leisten zur Gestaltung einer solidarischen und inklusiven Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt und Individualität und Vielfalt der Menschen wertschätzt. Eine bessere Form des Gedenkens an die Opfer kann ich mir kaum vorstellen.

Weitere Informationen zu Annas Lebensgeschichte und der Spurensuche von Sigrid Falkenstein in: Sigrid Falkenstein: Annas Spuren – Ein Opfer der NS-»Euthanasie«, München 2012